Von Patricia Dangel ‒ 22. Januar 2026

Um 9.30 Uhr ist der Dorfkern wie leergefegt. Es ist ein grauer Sonntag, die Gemeinde scheint auszuschlafen. Nur eine Joggerin, Hund und Herrchen beim Gassigehen sowie zwei Krähen, die sich um eine Baumnuss streiten, beleben die Szenerie. Beim Eintritt in die reformierte Kirche deutet jedoch alles auf einen besonderen Anlass hin. Die eintretenden Gäste werden freundlich begrüsst und von der neuen Pfarrerin Jenny Laske willkommen geheissen. Sie trägt eine markante dunkle Hornbrille und den Talar, das schwarze Amtsgewand reformierter Pfarrer. Der Dekan des Bezirks Meilen, David Jäger, der den Akt der Amtseinsetzung durchführen wird, erklärt den Frühangekommenen, wie man die weisse, zweigeteilte Krawatte nennt: Beffchen.
Punkt 10 Uhr setzt die Orgel ein. Jäger eröffnet den Gottesdienst mit einer kurzen Begrüssung, auf die das erste Lied folgt. Geübte Hände blättern flink durch die dünnen Seiten der Gesangsbücher, die in den Rückenlehnen der Kirchbänke stecken. Ein Gebet schliesst sich an, dann wird bereits das nächste Lied angestimmt. Schnell wird klar: Hier taucht man in ein perfekt choreografiertes, rhythmisiertes Ritual ein.
Sehr persönlich fährt der Pfarrer fort und zeichnet Jenny Laskes Werdegang nach: «Liebe Jenny, du hast Gott nicht gekannt, dort, wo du aufgewachsen bist, im Norden Chinas.» Tatsächlich fand Jenny Laske erst mit 25 Jahren zum Glauben. Zuvor arbeitete sie in Shanghai in der Wirtschaft, stellte jedoch bald fest, dass Geld ihr zu wenig Sinn gab. Sie begann in Pennsylvania Theologie zu studieren. Im Rahmen ihrer Doktorarbeit zog sie dann nach Zürich, wo sie auch ihren heutigen Mann kennenlernte.
Für den Akt der Einsetzung wird die Kirchgemeinde gebeten, sich zu erheben. Mit leicht gespreizten Fingern hebt David Jäger seine rechte Hand über Jenny Laskes Haupt, es mutet fast wie ein Heiligenschein an. Seine begleitenden Worte treten neben dieser starken Geste beinahe in den Hintergrund. Die junge Pfarrerin strahlt.
Im Namen der Pfarrwahlkommission überreicht Max Heberlein ihr einen grossen Blumenstrauss und betont, dass insbesondere ihr Lebenslauf die Kommission beeindruckt habe. In einer wohlhabenden Gemeinde wie Küsnacht wird wirtschaftliches Verständnis offenbar auch in der Seelsorge geschätzt.
Nach einer kurzen Konzerteinlage mit Klavier und Geige kommt schliesslich Jenny Laske selbst zu Wort. Mit klarer, heller Stimme setzt sie zur Predigt an. Sowohl ihr charmanter Akzent als auch die theologisch fundierten Themen fordern das Publikum dazu heraus, aufmerksam zuzuhören. Jenny Laske scheint ihren eigenen Worten zu lauschen: Sie trägt sie nicht nur vor, sie meint sie und zeigt sich zu Tränen gerührt – ein grosser Moment für die 40-Jährige.
Das Ritual endet mit einem letzten Lied: «In dir ist Freude», eine zentrale Botschaft der neu eingesetzten Pfarrerin. Beschwingt verlässt die christliche Gemeinde die Kirche und macht beim anschliessenden Apéro im Kirchgemeindehaus den Eindruck, diesen Gedanken bereits verinnerlicht zu haben. Grauer Sonntag hin oder her.
ANMELDEN
Herzlich willkommen! Melden Sie sich mit Ihrem Konto an.