Von Daniel J. Schüz ‒ 27. November 2025

Auf dem Foto an der Wand überblickt Bundespräsident Frank Walter Steinmeier die Szene mit den drei Fahnen: Das Schweizer Kreuz zwischen Deutschlands schwarzrotgoldener Tricolore und dem europäischen Sternenkreis. Doch zwei fehlen: Die blaugelbe Standarte der Ukraine hätte ebenso gut ins Bild gepasst wie das Kissen auf dem Küsnachter Wappen – aus gutem Grund: Der Mann, der stolz die Urkunde mit dem Bundesadler präsentiert, ist in der südukrainischen Hafenstadt Odessa geboren und aufgewachsen. Seit Russland die Stadt und das Land mit Angriffen verwüstet, hat Alexey Botvinov am Zürichsee eine zweite Heimat gefunden.
Jetzt ist der Star-Pianist Träger des Ordens «Bundesverdienstkreuz am Bande». «Im Namen des Bundespräsidenten», hat Botschafter Markus Potzel betont, «verleihe ich Ihnen die höchste Auszeichnung, die der deutsche Staat zu vergeben hat – für die Verdienste, die Sie als Bach-Interpret und Kultur-Vermittler unserem Land erwiesen haben.»
Auf der Potemkinschen Treppe, dem legendären Wahrzeichen seiner Stadt, rief Botvinov vor zehn Jahren die «Odessa Classics» ins Leben; bald schon galt das Festival als bedeutendster klassischer Musikanlass in Osteuropa. Nach dem Ausbruch des Krieges vor bald vier Jahren gingen die «Classics» sozusagen auf Europa-Tournee: Mehrere Städte, unter ihnen viele deutsche Metropolen, zelebrieren seither Botvinovs Festival – und begründeten seinen Ruf als «Brückenbauer und Kulturvermittler», so Botschafter Potzel in seiner Laudatio.
Der Pianist bedankt sich auf seine Weise: Er setzt sich an den Flügel und entlockt den Tasten eine furiose Kostprobe seiner Kunst: Johann Sebastian Bachs «Goldberg-Variationen» gelten als besonders anspruchsvolle Kompositionen; Botvinov hat sie über 300 Mal vorgetragen – häufiger als jeder andere Pianist. Botschafter Potzel, als Brandenburger ein grosser Bach-Verehrer, zeigt sich berührt, als Botvinov das kleine Konzert mit Alemdar Karamanows «Nachtgebet» abrundet – eine musikalische Geste mit Symbolkraft: Der 2007 verstorbene Komponist war der Sohn einer russischen Sängerin und eines Krim-Tataren, der von Stalin ins Exil verbannt worden war.
Das handverlesene Publikum – darunter Botvinovs Gattin Olena und Sohn Mischa sowie die frühere Bundestagsabgeordnete Marieluise Beck und Litauens Botschafter Darius Semaska – applaudiert begeistert.
Zum Ausklang versammelt man sich zum «Apèro très riche»: In den Gläsern perlt der Sekt, Canapés mit Lachs und Ei werden gereicht, gefolgt von einer herzhaften Kürbis-Maroni-Suppe. Beim Salat mit geräucherter Forelle dreht sich der Smalltalk um Europas Ohnmacht zwischen den Autokraten im Osten und im Westen. Zum indischen Poulet-Curry mit Mandelreis wird das Hohelied auf die Neutralität des Gastgeberlandes angestimmt. Beim Pflaumenkompott mit Meringue einigt man sich auf die versöhnende Kraft der Diplomatie. «Was uns verbindet», sagt Botschafter Potzel, «ist die Botschaft der Kultur!»
Warum aber, Herr Botschafter, sehen wir hier keine ukrainische Fahne? «Die hängt draussen», sagt der Diplomat. «Vor der Tür.»
Die Zuversicht von Alexey Botvinov bleibt unerschütterlich Drei Tage später beginnt in Genf das Feilschen zwischen Vertretern der US-amerikanischen und europäischen Regierungen – aber ohne die Russen – um einen schnellen Kompromiss-Frieden. Die Aussichten auf eine für alle Seiten halbwegs akzeptable Lösung sind verschwindend klein. Und weitere drei Tage später – am heutigen Donnerstag – läuft Trumps Ultimatum ab.
Dennoch bleibt die Zuversicht des frisch gekürten Trägers des Bundesverdienstkreuzes unerschütterlich: «Die Ukraine wird nicht kapitulieren», sagt Alexey Botvinov. «Sie wird leben!»
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