Die Stammhalter von Küsnacht

Von Dörte Welti ‒ 7. August 2025

Hätten Sie gewusst, dass es ungefähr 2500 registrierte Bäume in Küsnacht gibt? Wo genau die stehen, welche es sind und wie ihr Zustand ist, weiss Nathanael Gerber. Er weiss auch, wie es um das Küsnachter Bauminventar steht.

Links: Der Nussbaum in der Boglerenanlage. Rechts: Der abzweigende Stamm dieser Scheinzypresse im Rösslipark musste abgesägt werden, weil die Äste darüber abgestorben sind. So kann der Stamm noch 
als Spielelement für Kinder genutzt werden. (Bilder: dwe)
Links: Der Nussbaum in der Boglerenanlage. Rechts: Der abzweigende Stamm dieser Scheinzypresse imRösslipark musste abgesägt werden, weil die Äste darüber abgestorben sind. So kann der Stamm noch als Spielelement für Kinder genutzt werden. (Bilder: dwe)

Es ist kein kantonaler oder von der Gemeinde beorderter Zwang, ein Bauminventar – oder besser Baumkataster – zu erstellen. Dennoch macht Nathanael Gerber genau das unter anderem, er ist ­Leiter Grünanlagen und Friedhöfe in Küsnacht. Ein wichtiger Grund, alle Bäume im öffentlichen Raum zu registrieren, ist ein simpler: «Es geht um die Sicherheit.» Vor zwei Jahren hat Nathanael Gerber angefangen, das Baumkataster mit Hilfe des Ingenieurbüros Gossweiler aufzubauen. Jeder Baum wurde vermessen, Stammumfang und Kronenfläche bestimmt, festgestellt wie vital sie sind. Sieht man das als Fachmann auf den ersten Blick? «Bei vielen Bäumen reicht eine Sichtkontrolle», bestätigt Nathanael Gerber, der erst eine Lehre als Landschaftsgärtner absolvierte, dann als Bauführer gearbeitet und noch ein CAS in Urban Forestry angehängt hat. «So nennt man die Themati­sierung, die auf interdisziplinäre Weise das Zusammenleben von Menschen mit dem urbanen Ökosystem beleuchtet.» Alle auf Herz und ­Nieren untersuchten Bäume wurden auf einer Karte von Küsnacht eingezeichnet, die – leider – noch nicht öffentlich einsehbar ist. Der Wald von Küsnacht gehört übrigens nicht dazu, so ein geschlossenes Ökosystem in ein Baumkataster einzutragen ist kaum sinnvoll.

Gesamtzahl Bäume erhalten

Braucht man so was, fragt sich vielleicht der Laie. Und die Antwort ist eindeutig: unbedingt. Spätestens wenn ein Baum einem Neu- oder Umbau weichen soll oder wenn sich Bürger Sorgen um den Baumbestand machen, werden die Aufzeichnungen benötigt. Und auch wenn ein Baum einem Naturereignis zum ­Opfer fällt, etwa einem Blitzschlag. «Jeder Baum, der aus welchen Gründen auch immer weichen muss, wird ersetzt», erklärt Nathanael Gerber. «Das Ziel ist, Siedlungsökologie­förderung und die Gesamtanzahl der Bäume im Dorf mindestens zu erhalten.» Dass ein Baum im Bauminventar steht, heisst nicht, dass er geschützt ist. Geschützte Bäume gibt es derzeit in Küsnacht nur acht, und die stehen allesamt auf privatem oder kantonalem Grund. Trotzdem gibt es einzelne imposante ­Exemplare, die quasi zu Küsnachter Wahrzeichen gewachsen sind. Der riesige Nussbaum in der Boglerenanlage zum Beispiel: Anhand von Luftbildern schätzt man, dass er seit 1969 dort steht. Oder die grossen Bäume im Rösslipark, deren Pflege man sich mit Erlenbach teilt, weil der Park sich über die Ortsgrenze erstreckt. Auch am Küsnachter Horn stehen wunderschöne Bäume, sehr alte und sogar Reste von abgestorbenen Bäumen. Die lässt man in Ruhe, weil sich Totholz über die Jahre zu einem Habitat für alle möglichen Insekten, Echsen und natürlich Pflanzen entwickeln kann.

Ein Wald für die Forschung

Nathanael Gerbers Job beinhaltet auch Experimentelles. Vielleicht haben Sie schon das eingezäunte Feld am Schübelweiher entdeckt. Hier wurden auf 100 Quadrat­metern 100 Bäume und Sträucher angepflanzt. Ein artenreicher Wald soll entstehen, man beobachtet genau, welche Pflanzen sich durchsetzen und welche nicht. Ein Ökosystem, das ohne Pflege sich selbst überlassen wird. Vor Ort erklärt ein Schild, welche Arten gepflanzt wurden, ein QR-Code führt zu näheren Erklärungen. Apropos Arten: Dank der Erhebungen kennt man die Top drei der Bäume in Küsnacht. 14,7 Prozent sind zwölf verschiedene Arten Ahorn, 8 Prozent machen drei Arten Föhren aus und 6,9 Prozent drei Arten Erlen.

Links: Ein junger Ahorn (vorne) und eine ältere Buche im Rösslipark, um die sich Küsnacht und Erlenbach gemeinsam kümmern. Rechts: Urwald – Habitatbäume für Küsnacht am Schübelweiher.
Links: Ein junger Ahorn (vorne) und eine ältere Buche im Rösslipark, um die sich Küsnacht und Erlenbach gemeinsam kümmern. Rechts: Urwald – Habitatbäume für Küsnacht am Schübelweiher.

Die Bäume brauchen uns nicht

Es ist eine Wissenschaft, eine, die Nathanael Gerber mit Leidenschaft lebt. Seine Expertise fliesst auch ein, wenn im Dorf Plätze neugestaltet werden. Sein Anliegen ist es, für die Bäume die bestmögliche Umgebung zu schaffen. Von Bäumen in Töpfen hält der Fachmann auf Dauer nichts. Solche Einzelschicksale können sich nie mit anderen Bäumen unterirdisch über ein ­Geflecht von Wurzeln und Pilzen vernetzen. Beispielhaft sei dagegen die Massnahme, am neu gestalteten Bahnhofplatz Substrat einzubringen als Schicht unter dem Belag, ­damit die Bäume schneller anwachsen und die Wurzeln festeren Halt bekommen. Das Substrat speichert zudem länger die Feuchtigkeit im Boden, ein wichtiger Punkt bei den teils hohen Temperaturen im Sommer.

Nathanael Gerber schätzt es auch, wenn Meldungen aus der Bevölkerung kommen über mögliche Schäden an Bäumen, oder wenn man nicht genau weiss, ob ein Baum krank ist. Dann gehen er und sein Team nachschauen, sie haben ja im Kataster die erfassten Werte des Baumes und können notfalls handeln. Es ist eben genau das Ziel: Menschen dafür zu sensibilisieren, dass wir die Bäume brauchen (sie uns übrigens überhaupt nicht) und darum gut zu ihnen schauen sollten. Wir alle.

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