Von Dörte Welti ‒ 28. August 2025

Die Schwinghalle auf der Sportanlage Frohberg in Stäfa dampft vor Energie. Ich habe einen Lokaltermin mit den Nachwuchsschwingern von der Forch, Küsnacht, Jungschwinger zwischen 14 und 16 Jahren (ab 16 Jahren gehört man zu den Aktivschwingern). Zweimal die Woche trainieren hier die Bösen der Zukunft des Schwingklubs Zürichsee rechtes Ufer, sie kommen aus der gesamten Region. Als ich einige Minuten vor dem vereinbarten Termin eintreffe, toben im Sägemehl die Kleinen, also alle unter 16 Jahren, ein paar sind nicht älter als sechs oder sieben Jahre. Was für mich als Aussenstehende aussieht, als würde sich eine Horde Halbstarker mit zu viel Energie balgen, folgt strikten Regeln. Eine Hand an der Hose ist ein Muss, dann gilt es, den Gegner auf den Rücken ins Sägemehl zu zwingen. Zwei Drittel der Rückenpartie oder beide Schulterblätter müssen den Boden berühren, das gilt als ein gelungener Wurf. Nach jedem Versuch hilft man sich wieder auf die Beine und klopft sich gegenseitig das Sägemehl vom Rücken. Respekt und Anstand, zwei ganz wichtige Bausteine beim Schwingsport.
Die Kleinen, die «Buebe-Schwinger», haben sich aus der Arena geschossen – das geschieht mit einem schwerfälligen Ball. Wer zwei Mal getroffen wurde, muss raus, am Schluss bleibt der Kleinste übrig, ein grösserer Junge hat sich von ihm abwerfen lassen, eine grosszügige sportliche Geste – und die Grossen halten Einzug. Kommt man in die Halle, begrüsst man jede Anwesende und jeden Anwesenden per Handschlag, wer geht, verabschiedet sich auch genau so wieder (die erste Regel kannte ich, die nicht so der Typ ist, sich aufzudrängen, nicht, was man mir jedoch grosszügig nachgesehen hat). Es gibt derzeit fünf Jungschwinger von der Forch, die zum Schwingtraining kommen, heute sind es nur zwei, Sandro Fenner, 16, und Loris Sieber, 15. Beide sind verletzt, Spuren des Turniers vom vorangehenden Wochenende. Sie sind trotzdem da, aus Loyalität zu ihren Kameraden und weil sie mir Rede und Antwort stehen wollen. Mich interessiert vor allem, wie junge Männer der Generation Z, die man eher an Spielkonsolen und mit dem Mobiltelefon beschäftigt glaubt, heutzutage überhaupt auf die Idee kommen, sich mit Schwingen zu beschäftigen. Gymnasiast Loris, der sich mit den Folgen einer ausgekugelten Schulter herumschlagen muss, ist seit einem Jahr dabei. «Mein bester Freund Sandro hat mich zum Nordostschweizerischen Schwingfest in Meilen mitgenommen», verrät Loris. «Ich hab zugeschaut und gedacht, das kann ja nicht so schwer sein. Es hat mich gereizt.»
Loris stellte dann zwar schnell fest, dass Schwingen eben doch schwierig ist und vor allem technisch anspruchsvoll, aber das stachelte den Schüler nur noch mehr an. Derweil muss er seinen Sport gegenüber den Klassenkameraden verteidigen: «Sie finden, ich sei ein Bünzlischweizer. Das finde ich traurig.» In Rekordzeit waren seine Bemühungen von Erfolg gekrönt: An seinem allerersten Schwingfest nach nur einem halben Jahr Training machte er bereits einen Zweig, gewann sein zweites Schwingfest, weiter eine Auszeichnung und irgendwann sogar den Doppelzweig. «Schwingen ist hauptsächlich Technik», erklärt Loris. Einer der Trainer bessert nach: «Schwingen ist zu 40 Prozent Technik, 40 Prozent hat der Körperbau Gewicht. Und die restlichen 20 Prozent passieren im Kopf.»
Sandro, der Loris zum Schwingen brachte, ist eben der, der heute auch lädiert ist und nicht mittrainieren kann, sein Bein macht ihm zu schaffen. Sandro hat gerade seine Lehre als Metallbauer begonnen. Auch er kam durch einen gleichaltrigen Freund zum traditionellen Sport, Fabio Müller, ebenfalls Jungschwinger von der Forch, heute aber nicht beim Training hier, seine Ausbildung macht er in Winterthur und trainiert dort. Sandro hat schon als Neunjähriger begonnen. Und fasst zusammen, was für ihn und seine Kameraden diesen Sport ausmacht: «Es ist die Gemeinschaft, die wir haben. Wir sind auch ausserhalb des Sports sehr verbunden und unternehmen was. Und weil das Schwingen sowohl Einzel- als auch Teamsport ist.» Sandro erklärt, was gerade neben uns beim Training passiert: «Die ersten 30 bis 45 Minuten wärmen wir uns auf. Wir spielen Fussball, dehnen, mobilisieren die Gelenke, Sehnen und Muskeln, besonders den Nackenmuskel, weil der sehr stark beansprucht wird.» Dann werden Schwünge trainiert, es gibt verschiedene, im Stand und auf dem Boden. Verletzungen zu vermeiden ist ein grosses Ziel, und wenn dann doch mal was passiert, dann steht den Schwingern ein ganzes Netzwerk an Ärzten zur Verfügung, die den Schwingsport unterstützen.
Es gäbe noch so viel mehr zu erzählen über diesen so traditionellen Sport. Auch über die Halle, in der wir uns befinden, die in 2400 Arbeitsstunden in Fronarbeit von den Schwingern selbst gebaut wurde. Überhaupt: Wenn etwas gebraucht wird, hat es unter dem Schwingvolk immer genügend Menschen, die zupacken. Nur von einer Sache hat es nie genug: Tickets fürs Eidgenössische. Diese werden vom Veranstalter fast vollständig an die Schwingklubs kontingentiert, die sie dann ihren Mitgliedern zum Kauf anbieten können. In den freien Verkauf kommen nur wenige Exemplare. Loris hat kein Ticket, Sandro schon, und er freut sich, als Zuschauer dabei sein zu können. Zumal aus diesem Schwingklub Marc Hänni (auf dem Foto unten ganz rechts), Nicola Wey, Hilfsleiter für die Trainings der Buebe-Schwinger und Shane Dändliker am ESAF in Mollis teilnehmen, das erste Mal, dass der Schwingklub Zürichsee rechtes Ufer mehr als zwei Teilnehmer an einem Eidgenössischen Schwingfest stellen kann. Und irgendwann können wir dann vielleicht mal in ferner Zukunft von einem Schlussgang mit Beteiligung von «Förchlern» berichten. Wir bleiben dran.
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