Von Brigitte Selden ‒ 27. November 2025

Es ist ein grauer Montagnachmittag, draussen nieselt es. Doch drinnen, in den hellen Räumen der Bibliothek Küsnacht unter der Heslihalle, herrscht eine warme, einladende Atmosphäre. Zwischen den Regalen laden gemütliche Sitzecken zum Verweilen ein, in einer Ecke hängen aktuelle Zeitungen. «Genauso soll es sein», sagt Bibliotheksleiterin Esther Triet, «die Bibliothek als ein Ort, an dem man nicht nur Bücher holt, sondern auch verweilt.»
Wer die Gemeindebibliothek betritt, spürt sofort: Hier geht es längst nicht mehr nur ums Ausleihen. Es ist ein Ort des Austauschs, der Begegnung – ein «dritter Ort» zwischen Zuhause und Arbeit. Seit fast zwei Jahrzehnten begleitet Esther Triet die Transformation dieser Institution, mit Leidenschaft, Bodenständigkeit und einem klaren Blick für die Bedürfnisse der Menschen.
Esther Triet lebt mit ihrem Mann, der in einem ortsansässigen Elektroinstallationsgeschäft arbeitet, mitten im historischen Dorfkern von Küsnacht. Das Zuhause der beiden ist ein geschichtsträchtiges Haus an der Allmendstrasse, das sie von der Gemeinde im Baurecht übernommen und umgebaut haben. Hier wuchsen auch ihre drei Kinder auf. Dass Esther Triet einmal Bibliotheksleiterin werden würde, war nicht geplant. Ursprünglich ausgebildete Kindergärtnerin, widmete sie sich nach der Geburt ihrer drei Kinder zunächst der Familie. «Irgendwann hatte ich aber das Gefühl, ich hätte es langsam mit den kleinen Kindern gesehen. Erst Kindergarten, dann eigene Kinder, dann Spielgruppen – da war ich froh um eine neue Herausforderung», erzählt die dreifache Grossmutter schmunzelnd. Eine kleine Stellenanzeige in der Zeitung führte Esther Triet 2003 direkt in die Küsnachter Bibliothek, deren Kundin sie ohnehin schon war. Der Quereinstieg gelang: Sie begann mit einem kleinen Pensum, das sie sukzessive ausbauen konnte, und übernahm 2011 die Leitung. Parallel absolvierte sie an der Zentralbibliothek Zürich berufsbegleitende Weiterbildungen.
Die Entwicklung der Bibliothek beschreibt Esther Triet mit einem anschaulichen Bild: «Früher war die Bibliothek eine Art Tankstelle. Man kam schnell hin, deckte sich mit Literatur ein und ging wieder. Heute sind wir eine Raststätte.» Dieser Wandel ist spürbar: Die Lernplätze und die Zeitschriftenecke sind stark frequentiert. Besonders seit der Corona-Pandemie nutzen viele Küsnachterinnen und Küsnachter die Bibliothek als unkomplizierte Alternative zum Homeoffice – ohne Konsumzwang, dafür mit Ruhe und Gemeinschaftsgefühl. Die Anforderungen an die Bibliothek hätten sich gewandelt, sagt die Leiterin. «Als ich mit kleinem Pensum begann, ging es um den chronischen Platzmangel für die Medien. Heute ist die Situation umgekehrt: Der Platzmangel betrifft die Menschen. Wir brauchen auch mehr Raum für unsere Kundschaft, nicht nur für die Bücher», fasst sie zusammen. Mehr Raum wird im nächsten Jahr, nach dem Umzug in das komplett renovierte, denkmalgeschützte Höchhus, genügend zur Verfügung stehen.
Die Arbeit der Bibliotheksleiterin ist heute sehr vielfältig: Sie umfasst neben der Medienpräsentation auch Marketing und Veranstaltungsmanagement. Esther Triet verantwortet mit einer Kollegin die Belletristik für Erwachsene sowie die Reiseliteratur und Jugendsachbücher. Die klare Anforderung der Kundschaft ist die Aktualität. «Wenn ein Buch erscheint, wollen es die Leute auch gleich haben», erklärt die Leiterin.
Entsprechend muss der Bestand permanent erneuert werden: «Wir haben wahrscheinlich kaum ein Buch, das älter als acht Jahre ist. So viel, wie man zukauft, muss auch wieder weg.» Was mit den aussortierten Büchern geschieht, klingt nachvollziehbar: Während ein Teil in der zum Bücherschrank umfunktionierten Telefonkabine beim Gemeindehaus deponiert wird, landet der andere Teil im Altpapier. «Das Buch, so brutal es klingt, ist heute ein Massenprodukt», bemerkt die Leiterin nüchtern. Auch müsse die Bibliothek Buchspenden von Privatpersonen kategorisch ablehnen, da sie sonst sofort überschwemmt würde.
Obwohl Esther Triet, die ihre Jugend in Mönchaltorf verbracht hat, dieses Jahr 60 geworden ist, denkt sie noch lange nicht ans Aufhören. Im Gegenteil: Sie treibt zwei grosse Projekte voran, um die Bibliothek zukunftssicher zu machen. Einerseits wird das Konzept der «Open Library» vorbereitet, der unbedienten Bibliothek, bei dem die Nutzer mittels ihrer Abokarte auch ausserhalb der regulären Öffnungszeiten Zugang erhalten. Andererseits soll nach dem Umzug ins Höchhus die sogenannte «Leihothek» eingerichtet werden – eine Ausleihe für Alltagsgegenstände. Von der Popcorn-Maschine über den Schlagbohrer und die Nähmaschine bis hin zum Schokoladenbrunnen – Dinge, die man nicht ständig braucht, sollen künftig einfach ausgeliehen werden können. Was ihr auch am Herzen liege, sei eine engere Kooperation mit den Schulen in Form einer definierten Leistungsvereinbarung, um Klassenbesuche als festen Bestandteil des Schulalltags anbieten zu können, ergänzt die Leiterin.
Privat liest Esther Triet am liebsten Krimis, greift aber aus Zeitgründen oft zu Hörbüchern – etwa, wenn sie mit ihrem Mann im Campingbus unterwegs ist, den sich das Paar vor zwei Jahren gekauft hat. Zum Schluss gibt sie noch zwei aktuelle Leseempfehlungen ab: den historischen Roman «Die Formel der Hoffnung», der die wahre Geschichte einer Frau erzählt, die Ärztin werden wollte und ein Mittel gegen Polio entwickelte, sowie den fesselnden Roman «In den Farben des Dunkels», der den Leser völlig in seinen Bann ziehe und sich dabei ständig weiterentwickle. Mit ihrer Energie und ihren zukunftsweisenden Projekten wird Esther Triet auch weiterhin dafür sorgen, dass die Bibliothek Küsnacht nicht nur ein Ort der Bücher bleibt, sondern ein lebendiger und beliebter Treffpunkt für die gesamte Gemeinde.
ANMELDEN
Herzlich willkommen! Melden Sie sich mit Ihrem Konto an.