Von Björn Reinfried ‒ 12. Februar 2026

Im Rahmen einer Projektwoche des Tandem IMS Gymnasiums weilte Christo Brand in Küsnacht. Der einstige Freund von Nelson Mandela setzte sich zusammen mit den Schülerinnen und Schülern des Gymnasiums mit gesellschaftlichen und ethischen Fragen auseinander. Nicht nur für die Jugendlichen war das ein einzigartiges Erlebnis, sondern auch für den Autoren von «Mandela: Mein Gefangener, mein Freund» – denn er war zum ersten Mal in der Schweiz und stand zum ersten Mal im Schnee. Begleitet wurde er von dem britischen Abenteurer Anthony Willoughby und dem ebenfalls britischen Unternehmer und Erzieher Elfyn Wyn Jones, die beide an diesem Abend mit auf dem Podium sassen.
Zu Beginn des Anlasses präsentierten Schülerinnen und Schüler anhand von gemalten Karten oder Wappen, mit welchen Werten sie sich im Rahmen der Projektwoche auseinandergesetzt hatten – auf Englisch. Ein Mädchen fasste es so zusammen: «Im Fussball sehen wir keine Hautfarbe, sondern nur das Team. Wenn jemand ein Tor schiesst, ob schwarz oder weiss, freuen wir uns für das Team.» Ein Junge ergänzt: «Sei immer nett zu allen und glaub an dich selbst.»
«Uns wurde gesagt, dass wir die gefährlichsten Terroristen Südafrikas bewachen würden», erzählte Christo Brand von seiner Anfangszeit auf der Gefängnisinsel Robben Island im Jahr 1978, «doch nachdem ich zum ersten Mal mit Nelson Mandela gesprochen hatte, wusste ich, dass das nicht stimmt.» Zweifel an der Apartheid hatte er schon früh: «Mein Vater sagte immer, dass wir vor Gott alle dieselbe Hautfarbe haben.» Dieser Grundsatz sei ihm geblieben. Spätestens als zu Mandelas Geburtstag 55 000 Briefe und Karten mit Glückwünschen auf der Insel ankamen, war er sich sicher: Dieser Mann ist kein Verbrecher.
Christo Brand erzählte vor den Schülerinnen und Schülern, interessierten Eltern und den Lehrpersonen, wie er vom Gefängniswärter zum Freund Mandelas wurde. Er betonte den Respekt, mit dem der Gefangene allen gegenüber agierte – egal ob schwarz, weiss, Gefangener oder Wärter. Dieser Respekt beeindruckte den jungen Gefängnisaufseher. Als ihn Nelson Mandela einst fragte, wieso Christo Brand ihn mit Respekt behandle, obwohl er ihn in Ketten rumführte, antwortete dieser: «Mein Vater hat mich gelehrt, älteren Menschen mit Respekt gegenüberzutreten.»
Christo Brand begann, sich für Mandela einzusetzen, freundete sich mit ihm an und schmuggelte sogar ein Baby – Mandelas Enkelin – in das Gefängnis, damit er es in den Armen halten konnte: «Das blieb 20 Jahre lang ein Geheimnis zwischen uns.»
Am Beispiel der Apartheid zeigte er den Anwesenden auf, dass Respekt auch unter widrigen Umständen eine Entscheidung und kein Zufall sei – diese Entscheidung, respektvoll miteinander umzugehen, habe viel mit Verantwortung zu tun. Anthony Willoughby erklärte sein Verständnis von Verantwortung wiederum an einem Beispiel: «Bei den Massai bekommen Kinder schon ab drei Jahren eine Aufgabe. Sie hüten eine Ziege. Mit der Verantwortung für die Ziege tragen sie die Verantwortung für die Ernährung der Gruppe mit.» Er betonte, wie wichtig es in einer Gesellschaft sei, Verantwortung für alle und nicht nur für sich selbst zu übernehmen.
Auch das Thema Führung blieb nicht aussen vor. Elfyn Wyn Jones brachte seine Sichtweise mit einem Satz auf den Punkt: «Lead by example, not by dictation» («Führe durch Vorleben, nicht durch Bevormundung»). Anthony Willoughby erinnerte sich an ein Erlebnis mit einer indigenen Gruppe: «Als ich an ihrer Feuerstelle ankam und fragte, wer hier der Anführer sei, lachten die Anwesenden: Jeder sei hier ein Anführer.»
Weitere Themen des Abends waren Vergebung und Freundlichkeit. Christo Brand erzählte: «Als die Apartheid abgeschafft und Nelson Mandela Präsident wurde, wollten viele seiner Mitstreiter Rache an der weissen Bevölkerung üben.» Doch Mandela sei entschieden dagegen gewesen. Er habe Gewalt nicht mit Gewalt beantworten und keine unschuldigen Menschen in Gefahr bringen wollen. Statt Wärter, Polizisten und Straftäter im Unterdrückungssystem zu bestrafen, versprach er jedem Amnestie, der seine Taten zugab und Angaben zum Verbleib allfälliger Opfer machte. «30 Prozent der Täter gaben ihre Verbrechen zu und halfen so den Opferfamilien, Frieden zu finden», sagte Christo Brand.

Nach der Podiumsdiskussion wurde das Mikrofon ins Publikum gereicht. Ein Mädchen wollte wissen, ob Christo Brand Nelson Mandela auch so gut behandelt hätte, wenn er in ihm nichts Besonderes gesehen hätte. «Ja, ich habe immer alle Gefangenen gut behandelt», antwortete Christo Brand. Er erzählte, wie er Fernseher oder Essen ins Gefängnis schmuggelte oder die Gefangenen heimlich einen Gemüsegarten anlegen liess.
Ob es wieder Menschen wie Nelson Mandela gebe, die respektvoll führen, wollte ein Junge wissen. «So ein Mensch muss erst noch geboren werden», antwortete Christo Brand. «Führen muss man lernen. Mandela hat im Gefängnis viel gelernt. Zum Beispiel von Ghandi.»
Ein Mann wollte wissen, was Mandela dazu zu sagen hätte, dass Grossmächte weniger starke Staaten und Gebiete auf der ganzen Welt mobben. «Wenn Mandela jetzt in diesen Raum kommen würde, würde er erst einmal allen die Hand geben», antwortete Christo Brand. «Dann würde er sagen, was er schon vor einer jüdischen Gemeinschaft einst sagte: Die Welt wird frei sein, wenn Palästina frei ist.»
Nach der Fragerunde wurde der Abend beendet und der Apéro eröffnet, bei dem sich alle Anwesenden mit den Referenten unterhalten, Fragen stellen oder gemeinsam Bilder machen konnten. Die Kernbotschaften von Nelson Mandelas ehemaligem Gefängniswärter und späteren Freund blieben bei den Schülerinnen und Schülern hängen: Respekt, Verantwortung, Vergebung und stetige Bildung.
ANMELDEN
Herzlich willkommen! Melden Sie sich mit Ihrem Konto an.