Gemeinschaft, Handarbeit und ein Glas Räuschling

Von Brigitte Selden ‒ 25. September 2025

Mit Sonne im Gesicht und Schere in der Hand begann am 7. September der Wümmet auf dem Weingut Diederik in Küsnacht – ungewöhnlich früh, aber mit guten Aussichten auf einen erfolg­reichen Jahrgang. Unterstützt von einer eingeschworenen Truppe freiwilliger Helfer ernten Didi und Patricia Michel im Giesshübel die ersten Räuschling-Trauben. Ein Besuch im Rebberg.

Ernte statt Schulbank: Kantischülerinnen und -schüler der vierten Klasse helfen bei der Wümmet «ihres» Rebbergs mit. (Bilder: bse)
Ernte statt Schulbank: Kantischülerinnen und -schüler der vierten Klasse helfen bei der Wümmet «ihres» Rebbergs mit. (Bilder: bse)

Die Sonne scheint, nur wenige Wolken zeigen sich am Himmel, als am Morgen des 7. September die ersten Räuschling-Trauben von den Rebstöcken geschnitten werden. Auf dem Weingut Diederik in Küsnacht herrscht Hochbetrieb – der «Wümmet», die Weinlese, hat begonnen. Zwischen den Rebzeilen stehen Didi Michel, studierter Önologe, und seine Frau Patricia, flankiert von 18 freiwilligen Helferinnen und Helfern. Es sind Freunde, Nachbarn, langjährige Unterstützer: «Eine eingeschworene Truppe, die jedes Jahr mit viel Freude und Energie anpackt», sagt Didi Michel.

Dabei müssen alle viel Flexibilität mitbringen. Denn jeden Tag wird aufs Neue entschieden, ob das Wetter passt. Die Entscheidung, wann geerntet wird, ist ein ständiges Abwägen. «Der Zuckergehalt steigt mit der Sonne, sinkt bei Regen. Und wenn die Beeren platzen, beginnt die Fäulnis», erklärt Patricia Michel. Deshalb lieber etwas früher als zu spät – mit geschultem Blick und viel Fingerspitzengefühl.

In diesem Jahr beginnt die Ernte tatsächlich ungewöhnlich früh. Zwei heisse Phasen im Sommer haben die Reifung der Trauben beschleunigt. Doch das Wetter bleibt ein launischer Partner: Nur wenige Tage zuvor zogen schwere Hagelstürme über die Region am Zürichsee und sorgten von Erlenbach bis Feldmeilen für eine Schneise der Verwüstung. Die Rebberge der Michels blieben verschont. «Wir hatten wirklich Glück», sagt Didi Michel erleichtert. «Das ist sehr bitter für die Kollegen, wenn der Hagel so kurz vor der Ernte alles ’zerschlägt’.» Generell sei das Wetter unberechenbarer geworden und der Ertrag über die Jahre dadurch schwankender. Aber in diesem Jahr sehen die Trauben prächtig aus, der Zuckergehalt stimmt – ein vielversprechender Jahrgang.

Zwischen Reben und Kübeln

Die Arbeit im Rebberg beginnt mit dem Schneiden der Trauben – heute ist der Räuschling an der Reihe. Doch damit ist es nicht getan: Faule Beeren werden sorgfältig aussortiert, die Trauben «gesöndert», wie es im Winzerjargon heisst. «Wir wollen ja keinen Essig produzieren», sagt Patricia Michel und lacht. Auf dem Sortiertisch werden die Trauben nochmals geprüft und wandern anschliessend in grosse Standen mit bis zu 750 Kilo Fassungsvermögen. Am Ende bleibt eine Ausbeute von etwa 75 Prozent – ein guter Schnitt.

Dann geht’s in die Maschine: Entrappen, Pressen, und schon entsteht ein naturtrüber Traubensaft und nach der Zugabe von Hefe und dem ersten Gärprozess der Sauser, den die Michels aus Riesling-Silvaner-Trauben produzieren. Der frische, leicht alkoholische Most wird jeweils beim traditionellen Sauserfest verkostet, das in diesem Jahr bei schönem Wetter am 27. September auf dem Weingut stattfindet. Der Jungwein reift über den Winter im Fass und ist im Frühling bereit für die Flasche. Die Faustregel: Ein Kilo Trauben ergibt eine Flasche Wein.

Über mehrere Wochen arbeiten sich die Michels und ihre Helfer so durch die Rebberge. Kurz nach dem Erntestart, am 12. September, wurden auch die Seminarreben im Dorf geerntet. In der historischen Weinlage hinter der Dorfkirche wird bereits seit mehr als 750 Jahren Weinbau betrieben. Seit 2017 pachten die Michels diese Reben. Dabei pflegen sie die langjährige Tradition, dass jeweils die Schülerinnen und Schüler einer vierten Klasse der Kantonsschule beim Wümmet «ihres» Rebbergs mithelfen. Dies sei für die Jugendlichen jeweils ein besonderes Ereignis, berichten die Winzer.

So ökologisch wie möglich

Auf 4,5 Hektar kultivieren die Michels rund 16 Rebsorten. Neben Klassikern wie Räuschling, Pinot Noir und Riesling-Silvaner setzen sie auch auf sogenannte PIWI-Sorten – pilzwiderstandsfähige Neuzüchtungen wie Souvignier gris und Cabernet blanc. Diese benötigen deutlich weniger Pflanzenschutzmittel und helfen, den CO2-Fussabdruck des Betriebs zu senken. «Biozertifiziert sind wir nicht, aber wir arbeiten so ökologisch wie möglich», sagt Didi Michel. In der feuchten Zürichseeregion sei das ohnehin eine Herausforderung.

Didi Michel hat in Wädenswil Önologie studiert und das Winzerhandwerk von der Pike auf gelernt – mit Stationen auf Weingütern in Aus­tralien, Frankreich und Deutschland. Zurück am Zürichsee arbeitete er zunächst auf dem Weingut «Schipfe» in Herrliberg. «Damals habe ich auch immer wieder auf dem Weingut von Ueli Welti in Küsnacht ausgeholfen, so lernten wir uns kennen», erzählt Michel. Im Sommer 2013 kam dann die Anfrage von Welti, der damals bereits 75 Jahre alt war, ob er seinen Betrieb in Küsnacht nicht in Pacht übernehmen wolle. Die Rebberge – zur Hälfte im Besitz von Welti, zur Hälfte im Besitz der Gemeinde – waren bis dahin Lieferanten für andere Kellereien gewesen. Zunächst sei er skeptisch gewesen, erzählt der Winzer. Doch als ihm die Freiheit zugesichert wurde, seinen eigenen Wein zu keltern und zu vermarkten, packte er die Chance. Im Jahr 2014 übernahm Michel zusammen mit seiner Frau das Weingut. In guten Jahren produzieren die Michels bis zu 40’000 Flaschen – zwei Drittel gehen an Privatkunden, ein Drittel an Restaurants und Geschäfte in der Region, von Küsnacht bis Zürich.

Patricia Michel arbeitet neben dem Weingut in einem 50-Prozent-Pensum als Pflegefachfrau bei der Spitex. In den meisten Monaten arbeite sie etwas mehr, dafür könne sie sich während der Erntezeit freinehmen. «Mein Mann und ich sind ein gutes Team, und wir ergänzen uns gut», sagt sie.

Gemeinsames Mittagessen im Pferdestall

Im Weinberg gearbeitet wird aber nicht nur während des Wümmet, sondern praktisch das ganze Jahr über. Im Dezember beginnt der Rebschnitt – eine Kunst für sich, denn jeder Schnitt entscheidet über das Wachstum im nächsten Jahr. Im Frühling folgen die Laubarbeiten: Blätter entfernen, Sonne dosieren, Trauben schützen. Eine Arbeit, die Erfahrung verlangt. «Wir haben inzwischen auch eine festangestellte Winzerin im Team und sieben Teilzeitkräfte – viele von ihnen sind seit fast zehn Jahren dabei», sagt Patricia Michel stolz. «Wir haben sie selbst angelernt. Jetzt sind sie Profis.»

Trotz harter Arbeit kommt auch die Gemeinschaft bei der Weinernte nicht zu kurz. Kaffeepausen im Rebberg, Mittagessen im alten Pferdestall mit Kürbissuppe, Lasagne oder Käseplatte gehören fest dazu. «Und wenn die Sonne untergeht, gibt’s manchmal noch einen kleinen Apero. Und natürlich ein Glas vom eigenen Wein», sagt Patricia Michel.

Patricia und Didi Michel führen seit 2014 das Weingut Diederik.
Patricia und Didi Michel führen seit 2014 das Weingut Diederik.
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