Von Joachim Lienert ‒ 4. Dezember 2025

Voll war sie, die Immobilienwerkstatt. 70 Leute hätten Platz, 69 habe er gezählt, beruhigte Michael Blaser, Mitinitiant des Kultur-Treffpunkts an der Poststrasse, als Fredy Wettstein dem Publikum unter Gelächter mitteilte, man habe ihm aus feuerpolizeilichen Gründen eingeschärft, er dürfe auf keinen Fall mehr als 70 Gäste annehmen. Eng bestuhlt war der Saal und entsprechend familiär die Atmosphäre trotz stattlicher Besucherzahl.
Apropos Familie. Nicht nur war es eine Heimlesung für Fredy Wettstein, es entpuppte sich auch als Familientreffen. Irgendwann nahm Tochter Melanie Marday-Wettstein das Zepter in Form einer Fernbedienung in die Hand, um Ordnung in die visuelle Begleitung der väterlichen Geschichten zu bringen, die unter Fredys Federführung durcheinander zu geraten drohte. «Du weisst doch nicht, wann», meinte er zu ihr, und zum Publikum gewandt: «Das letzte Mal hat sie mir den Text weggenommen.» Seine Befürchtungen erwiesen sich als unbegründet, fortan klappte das Zusammenspiel von Lichtbild und Text ausgezeichnet.
Das musikalische Zepter hatte Lukas Langenegger mit gekonnten Fingergriffen an der elektroakustischen Gibson, ja, im Griff. Ob Mani Matter, Bob Dylan, Leonard Cohen, Bruce Springsteen, Kuno Lauener oder Johnny Cash: Lukas Langenegger, bekannt unter anderem durch seine Dylan Talks mit Röbi Koller im Theater Rigiblick, lieferte nicht nur die ausdrucksstarke Tonspur zur Lesung. Auch die Tonfälle und Dialekte von Schweizerdeutsch bis Südstaaten-Slang der so unterschiedlichen Singer-Songwriter brachte er mit Meisters Stimme ins Mikrofon. Um Johnny Cash sei er nicht herumgekommen, erklärte Lukas Langenegger und blickte Fredy Wettstein tadelnd an: Jemand habe ihm gedroht, er komme nicht ans Konzert, wenn er kein Lied des Man in Black spiele.
Und Fredy Wettstein, er glänzte mit Wortwitz. Er berichtete von Wahrem und fantasierte von Möglichem, inspirierte zum Nachdenken, zum Schmunzeln, zum Lachen. Seine Geschichten spielen in der im Tunnel steckengebliebenen S-Bahn, in seinem Stammlokal Toto oder auf einem mallorquinischen Fussballplatz, als Verheiratete gegen Ledige spielten – oder hatte er das nur geträumt? Auch das Tor liess er nicht aus, nur die Bälle hinein, eine Folge seiner eher zweifelhaften Goalie-Künste, «beim FC Küsnacht war ich nur Ersatz, und das war auch besser so». Bei seiner Fangquote sei nie der Verdacht von Bestechung aufgekommen, selbst wenn irgendwo in Korea vielleicht gerade Tausende auf drei Tore gegen ihn in den letzten zwanzig Minuten gewettet hätten …
Er erzählte, warum Bob Dylan wegen ihm, Fredy Wettstein, überhaupt noch lebt, berichtete vom Telefonat mit dem Papst und dem Besuch eines Bruce-Springsteen-Konzerts im Mailänder San-Siro-Stadion mit seinen – ja, seinen Kindern. Wieder trat die Familie ins Heimspiel. Sohn Dimitri hatte sich ins Gastgeber-Personal eingereiht und beglückte die Besucherinnen und Besucher mit Salami von der handgekurbelten Maschine und viel Kuchen. Ein Überraschungsgast war angekündigt, auch er: Familie. Schwiegersohn Ravin Marday erfreute das Publikum mit zwei eigenen Gedichten. So trug auch er Erbauliches zur Matinee bei, die nach drei Stunden inklusive Pause zu einer eigentlichen Après-midiée herangewachsen war. Ein Gast meinte: «Fredy, es wird Zeit für ein Buch.» Noch winkt er ab, scheut sich etwas vor dieser grossen Form, widmet sich aber – seit Corona – seinen Kolumnen. Man findet sie werbefrei im Netz, und natürlich frei von Werbung sei dies auch hier erwähnt, unter seinem Namen, mit einem .ch drangehängt.
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