Von Björn Reinfried ‒ 12. Februar 2026

Vor 15 Jahren untersuchten Radiästhesisten die Kirche Küsnacht auf ihre Qualität der feinstofflichen Lebensenergie – sie wollten prüfen, ob sie ein sogenannter Kraftort sei. Eine Sängerin des Kirchenchors hatte davor erwähnt, sie empfinde mehr Lebendigkeit und Freude beim Singen im Chor – also dem Bereich um das Taufbecken – als auf der Empore. Ein Mitglied der Kirchgemeinde wandte sich daraufhin an die Studienvereinigung für Radiästhesie Zürich. Im Bericht der beiden Architekten und des Bauingenieurs hiess es: Im Chor existiere ein Energiefeld von 18 000 bis 20 000 Bovis-Einheiten. Besonders dicht sei die Energie direkt neben dem Taufbecken. Der in Küsnacht aufgewachsene Autor Christoph Auckenthaler teilt in seinem Buch «Orte der Kraft in der Schweiz» diese Einschätzung und schreibt von Schmerzlinderung und einem allgemeinen Gefühl von starker Energie.
Vertreterinnen und Vertreter der Parawissenschaft der Radiästhesisten sind überzeugt, dass viele Kirchen an Kraftorten gebaut wurden. Ihr Standort sei kein Zufall, die Menschen hätten früher, vielleicht unterbewusst, über das Wissen um Kraftorte verfügt und deren Wert geschätzt. Kritiker dieser These führen vor allem die fehlende wissenschaftliche Evidenz ins Feld: Pendeln, Ruten und Fühlen seien keine wissenschaftlich vertretbaren Methoden.
Ein Blick in Bücher oder Webseiten zu Kraftorten zeigt: Kein Kraftort befindet sich in einer Tiefgarage oder einem Schlachthaus. Es handelt sich um schöne, weite Landschaften, imposante Plätze in der Natur oder eben Kirchen. Ob nun Kirchen intuitiv an Kraftorten gebaut wurden oder ob es die Bauweise ist, die das Wohlbefinden steigert, darüber lässt sich streiten. Unbestritten ist, dass selbst nichtreligiöse Menschen beeindruckt von den hohen Räumen, der Architektur, der andächtigen Stimmung oder der Akustik einer Orgel oder eines Chors sein können. Dass sich Menschen in weiten, imposanten Orten in der Natur wohl fühlen, kann der Evolution geschuldet sein, und dass wir Kirchen so gebaut haben, dass wir uns darin wohlfühlen, könnte der Absicht und nicht Energiefeldern geschuldet sein. Eine klassische Huhn-Ei-Diskussion vielleicht. Pfarrer Andreas Bianca findet: Im Grunde spiele das keine Rolle, wichtig sei, dass sich Menschen wohl fühlten, egal ob in der Kirche oder der Natur.
Dass der Kraftort glücklicherweise in der Kirche und nicht auf einer Treppe oder ausserhalb des Gebäudes liegt, findet Andrea Bianca selbstverständlich schön, denn genau wie Tourismusorte profitiert auch die Kirche davon. Auch wenn Interessierte gar nicht wegen der Religion, sondern wegen des Kraftorts in die Kirche kämen, sei das eine Gelegenheit, sich mit Glauben zu beschäftigen und mit Gott zu verbinden. Da sich der Kraftort in der Kirche befindet, ist es auch die Kirche, die schliesslich über eine gewisse Deutungshoheit darüber verfügt.
In der Bibel steht: «Du sollst keine andern Götter neben mir haben» (Exodus 20:3) und «Du sollst keinen andern Gott anbeten» (Exodus 34:14). Geht das Konzept «Kraftort» überhaupt mit dem christlichen Glauben zusammen? «Ja», ist Andrea Bianca überzeugt und verweist darauf, dass Moses gerade diese Gebote auf dem Gottesberg Sinai empfangen habe, einem der bekanntesten Kraftorte der Bibel. Er vertritt die theologische Lehre des Panentheismus: «Gott kann in allem sein, aber nicht alles ist Gott. Dies sei in der Bibel angedeutet, etwa wenn Jakob auf einem Stein schläft, von Gott träumt und diese Stelle zum Kraftort wird (Genesis 28:22). Es widerspreche nicht dem christlichen Glauben, dass Gott auch an diesem Kraftort, an dieser einen Stelle neben dem Taufbecken sein kann. «Solange wir den Kraftort als Werk Gottes betrachten und nicht als Gott selbst, widerspricht das nicht der Bibel.» Schwierig sei es, wenn Gläubige damit begännen, diese Stelle als Kultort zu vergöttern – das würde in Richtung Götzenanbetung gehen, was in der Bibel klar untersagt sei.
«Für alles ist die Bibel der Prüfstein», sagt Andrea Bianca. Solange eine Praktik der Religionsausübung nicht gegen sie oder ethische Grundsätze verstösst, sieht er kein Problem darin. «Es spielt keine Rolle, wann oder wo jemand Gott erfährt: Ob in einem Gottesdienst oder allein, ob beim Taufstein oder irgendwo in der Natur.» Er nennt ein Beispiel: «Wenn jemand im Gebet lieber zum Universum spricht und doch Gott meint, widerspricht das nicht der Bibel.» Er verweist darauf, dass im «Unservater» das ursprüngliche aramäische Wort für Gott «Abba» heisst, was für eine persönliche Bindung zum eigenen Vater steht und am besten mit «Papi» übersetzt werden könne. Entscheidend sei also die tiefe innere Verbindung, nicht die Bezeichnung. Gott kann also Vater, Universum oder eben auch in einem Kraftort sein.
Ob da ein Kraftort ist oder nicht und wie intensiv man ihn spüren kann, ist eine Frage, die jedem und jeder selbst überlassen sei, findet Andrea Bianca. Trotzdem findet er interessant, dass auf der Karte mit den vermessenen Kraftfeldern ein Platz an der Wand seitlich des Taufbeckens negativ bewertet wird: «Selbst bevor wir das wussten, habe ich mich nie dahingesetzt. Weshalb genau, weiss ich nicht – mir war da nicht wohl.»
Er versteht seine Aufgabe als Pfarrer darin, die Kirche so zu gestalten, wie es seiner Gemeinde entspricht. Solange dabei ein lebensdienlicher Glaube an Gott im Mittelpunkt stehe, moralische Werte hochgehalten würden und er Übereinstimmung mit der Bibel finde, sei es gut – ganz nach dem biblischen Motto: «Alles ist mir erlaubt – aber nicht alles ist hilfreich.»
ANMELDEN
Herzlich willkommen! Melden Sie sich mit Ihrem Konto an.