Mit 101 Jahren zurück nach Hause

Von Björn Reinfried ‒ 19. Februar 2026

Hassan Idris war seit den 1960er-Jahren Koch und lebt in Erlenbach. Jetzt zieht er zurück in den Sudan – im hohen Alter von 101 Jahren. Bevor er geht, verrät er, wie man so alt wird.

Hassan Idris fliegt im kommenden Monat zurück in den Sudan, um den Rest seines Lebens mit seiner Familie zu verbringen. (Bilder: bre)
Hassan Idris fliegt im kommenden Monat zurück in den Sudan, um den Rest seines Lebens mit seiner Familie zu verbringen. (Bilder: bre)

Hassan Idris empfängt in einer Moschee in Zürich. Seine Verwandten stützen ihn, übersetzen von Deutsch auf Arabisch und umgekehrt, wo es nötig ist, und bringen Kaffee. Das Freitagsgebet lässt er nie ausfallen. Dafür geht er, meist zu Fuss, von Erlenbach in die Stadt. In der Schweiz lebt und arbeitet er schon seit 1964, doch jetzt im hohen Alter will er wieder in seine Heimat. Im März fliegt er zurück – für immer.

Bevor er in die Schweiz kam, lebte Hassan Idris in Alexandria in Ägypten. Als Schiffskoch auf einem griechischen Schiff kam er innerhalb von zwei Jahren auf der ganzen Welt herum. 1964 zog er auf Empfehlung eines Freundes in die Schweiz. Als ausgebildeter Koch hatte er schon überall auf der Welt Arbeit gefunden; nun auch in Zürich. Er arbeitete ein Jahr in einem Gastrobetrieb am Zürcher Hauptbahnhof, dann ein Jahr in einem Restaurant am Paradeplatz und fünf Jahre in einem der ersten vegetarischen Restaurants im Zürcher Seefeld.

Eine wohlhabende Familie aus Erlenbach wurde auf den Koch aufmerksam und stellte Hassan Idris als ihren Privatkoch an. Zehn Jahre lang arbeitete er für sie. Noch heute ist er dankbar für diese Anstellung und die Hilfe, die ihm die Familie zukommen liess – sie vermittelte ihm eine Alterswohnung in Erlenbach. Vor fünf Jahren zog er ins Senevita Alterszentrum Gehren um, wo er bis heute lebt. Im Gespräch besteht er mehrfach darauf, dass in diesem Artikel ausdrücklich sein Dank an Senevita, dessen Direktorin, die Gemeinde und den Gemeindepräsidenten stehen möge.

Zurück in den Sudan

Hassan Idris hat zwar Verwandte in der Schweiz, doch ein Grossteil seiner Familie lebt im Sudan. Seine Frau, die ebenfalls im Sudan lebte, ist vor vier Jahren gestorben, mit ihr hat er drei Söhne und zwei Töchter, die ihrerseits auch Kinder haben, und so erwartet ihn in seinem Heimatland ein Haus voller Enkel, zwanzig insgesamt.
Über den Sudan ist aktuell in den Medien fast nur vom dort wütenden Bürgerkrieg zu lesen: ein Land, in dem die Gräuel so grossflächig geschehen, dass die Blutlachen von Satelliten aus sichtbar sind. Ist es nicht gefährlich, dahin zu reisen? Insbesondere im hohen Alter? «Bei uns im Norden des Landes gab es noch nie Krieg», erklärt einer seiner Verwandten. «Das ist ein sicherer Ort.»

Als Hassan Idris 1964 in die Schweiz kam, liess er seine Familie im Sudan zurück. Der Kontakt beschränkte sich fast immer aufs Telefonieren – Besuche fanden nur alle zwei Jahre statt, für je zweieinhalb Monate in der Schweiz oder im Sudan. Auf die Frage, weshalb es so selten zu Zusammenkünften kam, sagt der alte Mann: «Es war schwierig, wir haben alle immer viel gearbeitet.» Sein Neffe ergänzt: «Das ist bei uns die Normalität: Die Männer gehen ins Ausland, um zu arbeiten, und nehmen nur selten die Familie mit. Das wäre zu teuer.»

Trotzdem blieb der 101-Jährige bis heute in Erlenbach. Warum ist er nicht schon früher zurückgegangen? Er lacht: «Ich habe Verwandte hier, viele Freunde, und es gibt viele Sudanesen in der Schweiz. Ich war nie allein.» Nicht nur mit Sudanesen freundete sich der Koch an, denn in den 1960er-Jahren der Schweiz dominierte eine Gruppe Ausländer die Migration: Italiener. Aus diesem Grund spricht Hassan Idris neben Arabisch und Deutsch auch Italienisch.

Einer der Gründe, weshalb Hassan Idris so lange in der Schweiz blieb: Er hat Verwandte und Freunde in der Schweiz und an der Goldküste.
Einer der Gründe, weshalb Hassan Idris so lange in der Schweiz blieb: Er hat Verwandte und Freunde in der Schweiz und an der Goldküste.

Wie wird man so alt?

Auf die Frage, wie man so alt werde, hat Hassan Idris eine klare Antwort. Er zeigt mit seinen knochigen Fingern gen Himmel und sagt schmunzelnd: «Allah.» Neben Gottvertrauen nennt er auch Freude und die langen Spaziergänge von Erlenbach in die Moschee in Zürich. «Erzähl ihm von deinem Frühstück», fordert ihn ein junger Mann auf. Hassan Idris fragt nach, weil er nicht mehr alles gut hört und erzählt von seinem Frühstück: «Jeden Morgen um neun Uhr mache ich mir Frühstück. Ich koche immer alles selbst.»

Nach einer halben Stunde Gespräch ist es genug. Der 101-Jährige ist müde, hat genug gesagt und möchte nach Hause ins Altersheim. Bevor er ins Auto seiner jungen Verwandten steigt, bleibt noch eine Frage offen: Was rät er jungen Menschen? «Habt Freude und pflegt den Kontakt zur Familie.»

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Eine Antwort

  1. Viel Glück und alles Gute für Hassan und seine Familie im Sudan!
    Super Typ.
    Es war eine Bereicherung, ihn kennengelernt zu haben.

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