Von Dörte Welti ‒ 11. September 2025

Michèle Burkard ist in Küsnacht geboren und hat hier die Primarschule Goldbach besucht. Wie viele Teenager war sie sich nicht sicher, was genau sie einmal werden wollen würde. Konnte sie sich heute vorstellen, Tierärztliche Praxisassistentin zu werden, schien morgen «irgendwas mit Mode» verlockender. Als sich nach dem Sekundarschulabschluss eine Möglichkeit bot, bei Maison Gassmann, einem der arriviertesten Modehäuser Zürichs, eine Lehre im Detailhandel zu absolvieren, griff Michèle Burkard zu. Eine spannende Zeit folgte, nicht nur beruflich.
«Meine Mutter und ich sind ab und zu verreist und haben unter anderem Safaris machen dürfen», erzählt Michèle Burkard von dieser Phase ihres Lebens. «Die Erlebnisse in Afrika waren eindrücklich. Die Natur hat mich fasziniert; aber was wir vor Ort über die Situation von Elefanten und Nashörnern erfuhren, die unfassbaren Grausamkeiten von Wilderern ausgesetzt sind, hat mich nicht mehr losgelassen.» Irgendwann käme sie hierher zurück zum Helfen, zum Arbeiten, schwor sich Michèle Burkard jedes Mal, wenn sie wieder in die Heimat zurückflog. Aber erst war es ihr wichtig, die Lehre erfolgreich abzuschliessen. Ihr Ausbildungsbetrieb übernahm sie anschliessend, und Michèle Burkard arbeitete noch weitere eineinhalb Jahre in der Welt der Luxusmode. Die Not der grossen Tiere in Afrika liessen ihr aber keine Ruhe, und sie recherchierte, wie und wo man sich am besten vor Ort aktiv für die Rettung von Elefanten und Nashörnern engagieren kann. Sie bewarb sich bei der NGO Care for Wild und flog für sieben Wochen nach Südafrika, um dort auf einer Farm zu helfen, deren Standort geheim bleiben muss, damit Wilderer und Trophäenjäger die Tiere nicht orten können.
«Es wurden dann zehn Wochen daraus», rekapituliert Michèle Burkard. «Zurück in der Schweiz wurde mir aber klar: Ich möchte mehr tun, ich muss nochmal mit Care for Wild nach Afrika.» Sie reiste wieder an denselben Ort – und blieb insgesamt zwei Jahre. Eine Zeit, in der sie in einer einfachen Unterkunft auf der Farm lebte und in der ihr die Nashornwaisen ans Herz wuchsen. Anfangs war sie hauptsächlich für die Nashornbabys zuständig, die von einer Partnerorganisation entdeckt und auf die Farm gebracht wurden. Die Dickhäuterjungen sind erschöpft und meist unterernährt, weil das Muttertier von Wilderern wegen ihres Horns getötet wurde, und kämpfen ums Überleben. Michèle Burkard lernte, die Atmung der schwergewichtigen kleinen Patienten zu kontrollieren und sie richtig zu versorgen. Jedes Baby braucht individuell zusammengesetzte Ernährung. Sie lernte aber auch Teamgeist, wie wichtig das Hand-in-Hand-Arbeiten ist und die Bedeutung von Hygiene im Umgang mit den schwachen Tieren. «Disziplin ist auch ein wichtiger Faktor», ergänzt Michèle Burkard. Fehler könnten den Tod eines Tieres bedeuten. Ferien mit Streichelzoo sind das nicht: Auf der Farm arbeitet man zwölf Tage am Stück, dann gibt es zwei freie Tage, bleibt aber vor Ort, weil das Gelände weit weg von jeder anderen Zivilisation gelegen ist.
Nach zwei Jahren überdachte Michèle Burkard ihre Situation: «Mir wurde klar, dass ich mich weiterentwickeln möchte», gesteht sie. Sie kehrte in die Schweiz zurück und heuerte erstmal wieder bei ihren «alten» Arbeitgebern an, die sie mit Kusshand zurücknahmen. Langsam wuchs aber das Bedürfnis in ihr, auf eigenen Beinen zu stehen. Ihre zweite grosse Leidenschaft neben dem Retten von Nashörnern ist Mode und – das gibt sie unumwunden zu – das damit verbundene Shopping. Aus der Natur der Sache sammelt sich da im eigenen Haushalt so einiges an. Und eine Idee nahm Formen an: Warum nicht beide Welten miteinander verbinden? Sie eröffnete ihren ersten Luxus-Secondhand-Shop mitten in Küsnacht. Anfangs hingen dort nur ihre eigenen Trouvaillen, bald aber brachten ihr auch andere ihre überzähligen Modeartikel. Küsnacht hatte zwar schon den einen oder anderen Secondhand-Laden, aber ihr nachhaltiges Konzept, nur erstklassige, einwandfreie Ware von bester Qualität und am liebsten von den grossen Luxuslabels stammend im Shop zu haben, fand sofort viele dankbare Kundinnen. Von Anfang an sah ihr Geschäftsmodell vor, einen Teil des Erlöses aus dem Verkauf von Kleidern, Schuhen und Accessoires Care for Wild zugute kommen zu lassen. So hat sie ihre beiden Welten für sich schlüssig miteinander verbunden.
Parallel unterstützt Michèle Burkard noch das Projekt «Nas Mode» der Schweizer Star-Maskenbildnerin und Gründerin der Schminkbar, Bea Petri. Diese hatte in Ouagadougou, der Hauptstadt von Burkina Faso, eine Ausbildungsstätte für die Berufe Maskenbildnerin und bald auch Schneiderin gegründet. Kritischer Punkt: Die jungen Frauen, die eine Ausbildung machen dürfen, werden oft sehr jung Mutter. Damit sie ihre Ausbildung in der «Nas Mode» nicht abbrechen müssen, initiierte Bea Petri einen Kindergarten und fragte Michèle Burkard, deren Mutter das Projekt bereits permanent unterstützte, ob sie das Patronat übernehmen würde. Michèle Burkard sagte spontan zu und so gibt es heute die «Village Michèle» für die Kinder der Auszubildenden in der «Nas Mode».
Michèle Burkard ist keine, die einfach nur Geld nach Südafrika oder Burkina Faso schickt, um sagen zu können, sie sei philanthropisch unterwegs. Sie kümmert sich persönlich um beide von ihr unterstützten Projekte, ist auch regelmässig vor Ort. Nicht immer steht sie im eigenen Laden, dem Concept & Secondhand Store «Sparkle», mit dem sie kürzlich in ein neues grösseres Lokal an der Oberen Dorfstrasse gezogen ist. Einmal pro Woche hilft sie im Unternehmen ihrer Mutter in Küsnacht mit, der «World of Bonnie». Zu beschäftigt, um sich im Dorf zu engagieren? «Leider», nickt Michèle Burkard, die mit ihrer Firma im Gewerbeverein ist. «Küsnacht ist mein Zuhause», betont die junge Frau. «Man kennt sich hier, es ist dörflich, obwohl wir längst Stadtgrösse erreicht haben.» Kritik am Dorf hat sie eigentlich keine, alles stimmt für sie. Bis auf etwas: «Es gibt in Küsnacht viele Möglichkeiten, einen Kaffee zu trinken. Und man findet auch gute Snacks, natürlich auch bei uns im Bonnie, das darf ich jetzt sagen. Aber ich habe noch nichts gefunden, wo man am Abend so richtig gemütlich sitzen und entspannt mit Freunden gut essen und trinken kann.» Das kulinarische Angebot in Küsnacht sei ausbaufähig, meint Michèle Burkard. Bei ihrem unternehmerischen Talent und dem ihrer Mutter könnten wir auf dieser Ebene eventuell noch eine Überraschung erleben.
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