Von Dörte Welti ‒ 15. Januar 2026

Es muss ungemein idyllisch gewesen sein, das Umfeld, in dem Carmen Rothmayr aufgewachsen ist. Der Bauernhof ihrer Urgrosseltern und Grosseltern liegt erhöht an der heutigen Alten Landstrasse, von hier aus hatte man lange einen weiten Blick auf den Zürichsee. Das Haus der Familie steht noch immer hier. Als mehr und mehr gebaut wurde in der näheren Umgebung, stiegen die Eltern auf Gemüseanbau um.
In diesem Umfeld kam Carmen Rothmayr 1967 auf die Welt. Anfang der 1970er-Jahre hatte der Kanton Zürich eine visionäre Idee: Eine Schnellstrasse sollte von dort, wo heute die Hochbrücke am Tiefenbrunnen verläuft, bis hin zur Forchstrasse gebaut werden. Das Land, das dafür gebraucht wurde, hätten die Eigentümer, darunter Carmens Familie, abtreten müssen.
Carmen Rothmayrs Eltern war diese Vorstellung ein Gräuel, und so zogen sie mit der kleinen Carmen und einer ihrer beiden Brüder ins Tessin. Der Vater gründete eine Rosenzucht. «Ich habe mein erstes Sackgeld damit verdient, kleine Sträusse mit Blumen aus dem Hausgarten selbst zu binden und mit meiner Mutter auf dem Markt zu verkaufen», erinnert sich die 58-Jährige. Von dem selbst verdienten Geld kaufte sie sich eine Gitarre, eine bleibende Erinnerung. Aus der Liebe zur Musik entstand ein lebenslanges Faible fürs Tanzen. Nach der Handelsschule absolvierte Carmen Rothmayr eine Lehre zur Floristin in der Familiengärtnerei, traf per Zufall im Tessin einen Küsnachter Schreiner und kehrte mit ihm 1989 zurück ins heimatliche Dorf. Ein paar Jahre später baute das Paar ein Einfamilienhaus auf dem elterlichen Grund. Ein Jahr nach dem Einzug kam der gemeinsame Sohn Gil auf die Welt.
In Küsnacht baute sich Carmen Rothmayr anfangs ein eigenes Business als klassische Floristin auf. Sie spürte aber, dass es noch mehr gab, als «nur» Blumen dekorativ zu arrangieren. «Mich interessiert der Mensch», erklärt sie die Phase ihres Lebens, in der sie begann, sich mit Körper/Psychosynthese zu beschäftigen. Sie ergänzte ihr Portfolio mit einer Coaching-Ausbildung und lernte, die gesundheitsfördernde Wirkung des Waldbadens zu vermitteln. «In der Zeit besuchte ich auch meinen ersten Ikebana-Kurs.» Die japanische Kunst des Blumenbindens habe ihr eine neue Sicht auf die Bedeutung von Sträuchern und Blumen eröffnet. «Es hat mich gepackt!» Seitdem widmet sie sich der Annäherung an die Perfektion dieser aus östlichen Philosophien entstandenen Kunstfertigkeit, Gewachsenes so zu arrangieren, dass der Mensch sich mit der Natur verbinden kann.
Als wir uns treffen, hat sie gerade frische Kiefernzweige und Bambus geschnitten, dazu will sie Äste vom Pflaumenbaum nehmen, die sie vor einer Woche in der warmen Stube vorgetrieben hat. «Das sind Pflanzen, denen die Kräfte für all das innewohnen, was wir uns und anderen fürs neue Jahr wünschen», erklärt Carmen Rothmayr. «Kiefer steht für ein langes Leben – weil sie immergrün ist und hoch in den Bergen näher zu Gott wächst. Bambus verheisst Wachstum und Wohlstand, die Pflaume ist ein Symbol für Erneuerung und Freude.» Ein treffendes Stichwort: Freude. Das ganze Tun der Küsnachterin ist der Freude und der Leichtigkeit gewidmet, Ikebana ein Weg zur Entschleunigung. Klassische Floristik ist passé für sie. Früher hat sie im Abonnement in Restaurants immer wieder frische Blumen als Dekoration auf die Tische gebracht, bis ihr das keine Freude mehr bereitet hat. «Natürlich sind alle Blumen schön», sagt Carmen Rothmayr. «Mich aber reizt, dass der Mensch beim Arrangieren der Natur still und harmonisch in Verbindung mit Himmel und Erde tritt.» Natürlich war sie auch schon in Japan, um sich dort von einem grossen Meister des Ikebana schulen zu lassen. Perfektion erlangt man nie, dafür aber das Bewusstsein, dass ständiges Lernen und die unendlichen Wiederholungen der Handgriffe einen nahe an die Weisheiten der östlichen Lehren führen können.
Das ganze Leben dreht sich bei Carmen Rothmayr ums Grün. Im Verein WirBleibenDran engagiert sie sich für ein nachhaltiges Küsnacht. «Es gibt noch viel Luft nach oben», kommentiert sie die derzeitigen Bemühungen Küsnachts, den Ort ökologisch aufzuwerten. Es könne mehr Velowege geben, und auch das Thema «essbare Stadt» sei es wert, verfolgt zu werden: Küsnacht als Gemeinde, in der Grünflächen auch mit Obstbäumen bepflanzt werden. Sie kennt jeden Winkel im Dorf, auch wenn es sich seit ihrer Kindheit massiv verändert hat. Im Dorf einzukaufen, hält sie für selbstverständlich, allerdings stimmt es sie traurig, dass der Wochenmarkt nur noch aus wenigen Ständen bestehe. Dafür geht sie dann halt in den Nachbargemeinden posten. Auch See und Wald geben der Geerdeten, die gerne auch mal draussen in der Natur nächtigt, viel Kraft. Und als ehemaliges Vorstandsmitglied der KulturBar Küsnacht liebt sie jegliche kulturelle Anlässe, die die Agenda in Küsnacht zu bieten hat. Dafür hat sie jetzt auch wieder mehr Zeit: Die letzten vier Jahre hat sich Carmen Rothmayr intensiv ihrem ersten, kürzlich erschienenen Buch über Ikebana gewidmet, eine Herzensangelegenheit.
Das Gespräch bei einer Tasse Tee an ihrem Arbeitstisch, hinter dem ein zugezogener weisser Vorhang die Materialien und Gefässe für Ikebana verbirgt, war kurz. Und doch hat man eine vage Idee mitgenommen, worauf es Carmen Rothmayr ankommt: die Fülle der Leere. Etwas konzentriert zu erschaffen, mit reduzierten Mitteln vor einer weissen Wand, damit man jeden Winkel, jeden Handgriff mit Präzision und ungestört vollziehen kann, ist ein feinfühliges Ritual für einen Neuanfang, wenn man ihn denn machen möchte. Und wenn man nicht genau weiss, wie, kann man es bei Carmen Rothmayr lernen.
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