Von Björn Reinfried ‒ 26. Februar 2026

Die 20-jährige Gina Zehnder ist in Küsnacht aufgewachsen und begann ihre sportliche Karriere auf der KEK. Heute ist sie Eistänzerin, und zwar eine der besten des Landes. Zusammen mit ihrem Tanzpartner Beda Leon Sieber gewann sie in dieser und der vergangenen Saison den Schweizermeister-Titel. Im Januar wurde sie von der Gemeinde Küsnacht zur Sportlerin des Jahres ernannt, bei ihr zu Hause stapeln sich Medaillen und Auszeichnungen. Besonders stolz ist sie darauf, dass sie als erstes Schweizer Eistanzpaar eine Medaille an der internationalen Junioren Grand-Prix-Serie gewonnen haben. Eine ihrer liebsten Erinnerungen ist aber nicht mit Edelmetall verbunden, sondern eine viel kleinere, familiäre Episode – dazu mehr am Ende des Textes.
Gina Zehnder ist ein Familienmensch durch und durch. Ein Grossteil ihrer Verwandten lebt in Küsnacht, und viele von ihnen sind sportlich unterwegs, einige auch als Spitzensportler. Ihr Cousin Gian Stork ist angehender Profifussballer beim FCZ (KüBo 40/2025), ihre zwei Schwestern sind ebenfalls Eiskunstläuferinnen auf internationalem Niveau. Dass Gina Zehnder in diesem Umfeld selbst zur Sportlerin wurde, überrascht wenig. «Wir wohnen so nahe an der KEK, und so sind wir natürlich oft Schlittschuhlaufen gegangen», erinnert sie sich an die Anfänge ihrer Sportlaufbahn. Ihre ältere Schwester hatte einen Ferienkurs auf der KEK besucht, während die beiden jüngeren Schwestern zuschauten. Eislaufen gefiel allen dreien, und fortan waren sie regelmässig auf dem Eis. Gina Zehnder war zu diesem Zeitpunkt fünf Jahre alt.
Bis 2019 trainierte sie Eiskunstlauf – eine Disziplin, in der man allein tanzt. Dann wechselte sie auf Vorschlag ihrer Trainerin zu Eistanz und fährt seither zu zweit: «Zu Beginn, ich war 13 Jahre alt, habe ich es schon etwas komisch gefunden, einem Jungen so nahe zu kommen.» Heute tanzt sie immer noch mit demselben jungen Mann, mit dem sie vor sechs Jahren begonnen hat – keine Selbstverständlichkeit, denn fällt einer der beiden wegen einer Verletzung auch nur ein paar Wochen aus, muss sich der andere überlegen, ob er sich einen neuen Tanzpartner sucht – Profisport bietet auch auf dem Eis wenig Spielraum für Zeitverlust. Heute sind Gina Zehnder und ihr Tanzpartner ein eingespieltes Team und auch privat sehr eng befreundet. «Ja, das gibt es natürlich schon oft», lächelt die junge Sportlerin auf die Frage, ob sich Eistänzer auch privat nahekommen, «aber nicht bei uns. Wir sind einfach beste Freunde».
Zusammen mit ihrem Tanzpartner nahm sie nach nur einem knappen Jahr gemeinsamen Trainings an den Youth Olympics 2020 in Lausanne teil. «Das war ein riesiges Erlebnis, auch wenn wir damals noch ganz am Anfang unserer Karriere standen», sagt sie heute. Weil Gina Zehnder mit 14 Jahren die jüngste Teilnehmerin war, durfte sie das olympische Feuer entzünden. «Ich hatte schon etwas Angst an der Eröffnungszeremonie», erzählt sie. Kein Wunder, denn vor der Eröffnungsfeier sass sie in der Loge zusammen mit Sportgrössen wie Didier Cuche, die sie daran erinnerten, dass das Entfachen des olympischen Feuers eine sehr wichtige Aufgabe sei. «Da war ich natürlich sofort noch etwas nervöser», erinnert sie sich lachend.
Die beiden Eistänzer haben mittlerweile an 38 Wettkämpfen teilgenommen und 15-mal Edelmetall geholt. Ihr grosses Ziel im Moment sind die WM 2026 in Prag, auf die sie sich aktuell vorbereiten und die Heim-EM 2027 in Lausanne: «Da möchten wir uns dann natürlich fürs Finale qualifizieren.»
Der Sport nimmt einen grossen Teil in Gina Zehnders Leben ein. Sie trainiert an sechs Tagen die Woche für jeweils mehrere Stunden auf und neben dem Eis. Das beinhaltet auch Krafttraining und Ballett. Denn obschon die Tänze auf dem Eis fliessend aussehen und die lächelnden Gesichter entspannt wirken, ist der Sport alles andere als leicht: «Es sieht zwar einfach aus, aber man muss jeden einzelnen Muskel anspannen. Eines unserer Programme dauert vier Minuten – das ist schon anstrengend.» Kein Wunder also, dass sie so viel Zeit dem Training widmet. Einzig am Samstag hat sie frei.
Nachdem sie im Sommer das Sportgymnasium erfolgreich abgeschlossen hat, macht sie nun ein Zwischenjahr, um sich vollkommen auf den Sport konzentrieren zu können. Sie ist sich jedoch bewusst, dass eine Karriere im Profisport allein kein sicheres Standbein ist. «Wenn man sich verletzt, kann die Karriere von einem Tag auf den anderen vorbei sein», ist sich die Eistänzerin bewusst. Bislang hatte sie diesbezüglich Glück gehabt und sich von ihren zwei Verletzungen relativ schnell wieder erholt.
Dass sie neben dem Sport ein zweites Standbein haben muss, ist für sie klar. Sie spielt mit dem Gedanken, in naher Zukunft ein BWL-Studium zu beginnen. «Ich werde mich etwas anders organisieren müssen und sicherlich etwas weniger Freizeit haben. Dieses Opfer bringe ich aber gerne, denn Eistanz auf diesem Niveau macht mir grosse Freude. Ich habe unterdessen auch ein wenig Übung, da ich die letzten paar Monate 50 Prozent gearbeitet habe, was sehr Spass machte.»
Während ihrer Auftritte ist Gina Zehnder nicht nervös, sondern hoch konzentriert. Kurz davor sieht es in der jungen Küsnachterin jedoch anders aus: «Ich bin immer ziemlich nervös vor einem Wettkampf, aber sobald die Musik losgeht, geht die Nervosität wieder weg.» Während des Tanzes konzentriert sie sich jeweils auf das nächste Element und versucht, es gleichzeitig auch zu geniessen.
Als Vorbilder dienen ihr nicht einzelne Sportler oder Sportlerinnen, sondern spezifische Eigenschaften und Fähigkeiten von verschiedenen top Eistanzpaaren. Besonders inspiriert fühlt sie sich jedoch von ihren Eltern und Schwestern, mit denen sie viel Sport macht und über Sport sprechen kann. Ein liebstes Erlebnis, an das sie sich gerne zurückerinnert, ist denn auch ein familiäres: Sie und ihre beiden Schwestern führten auf dem kleinen Eisfeld beim Hotel Sonne eine eigene Vorstellung auf – als Geburtstagsgeschenk für ihren Vater.
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