Tosender Applaus, Handküsse, Hochleistung

Von Patricia Dangel ‒ 25. September 2025

Das Klassikfestival Küsnacht ging vergangenes Wochenende mit der Rekordzahl von über 1300 Besucherinnen und Besuchern über die Bühnen des Konzertsaales. Dem Festival ist es gelungen, Jung und Alt mit seinem Programm abzuholen und die Säle zu füllen. Beim Abschlusskonzert waren wir dabei.

Albrecht Mayer zeigt den Kindern, wie er mit einer speziellen Atemtechnik die Oboe spielt. (Bild: zvg)
Albrecht Mayer zeigt den Kindern, wie er mit einer speziellen Atemtechnik die Oboe spielt. (Bild: zvg)

Sonntagabend, die katholische Kirche nebenan schlägt 18 Uhr, die Letzten huschen in den Konzertsaal St. Georg, nehmen ihre Plätze ein, nicken sich zu. Das Abschlusskonzert des Klassikfestivals beginnt: Kammermusik unter dem Titel «Viva Venezia». Mit geschlossenen Augen lässt man sich auf die Stimmung ein. Es sitzen erstaunlich viele Kinder brav auf dem Schoss der Eltern. Auf der Bühne steht ein imposantes Instrument: eine Art Klavierflügel, komplett rot, verziert mit aufgemalten Blumen, Schmetterlingen und Vögelchen. Der Musiker Vital Julian Frey betätigt auch Tasten, wie bei einem Klavier, doch der Klang ist ganz anders, schwebender. Es handelt sich um ein Cembalo, das zu den Tasten-Zupfinstrumenten zählt. Hierbei werden die Saiten nicht mit kleinen Hämmerchen angeschlagen, sobald man die Tasten drückt, sondern mit sogenannten Kielen gezupft.

Zirkuläres Atmen

Das Cembalo wird begleitet von einer Oboe, gespielt vom Solo-Oboisten der Berliner Philharmoniker, Albrecht Mayer. Selbst einem Laien entgeht das meisterhafte Wechselspiel von klaren bestimmten zu sanften leisen Klängen nicht. Und die Atemlänge! Könnte Mayer einem Apnoe-Taucher Konkurrenz machen?

Wie er später erklären wird, beherrscht er das zirkuläre Atmen, bei dem man gleichzeitig durch die Nase ein- und durch den Mund ausatmet. Aber dazu gleich mehr.

Feinschmecker anwesend

Als Nächstes will Frey ein Solo-Konzert für Cembalo von Bach spielen. Davor ergreift er kurz das Mikrofon und erklärt dem Publikum, dass dieses Stück nur sehr selten in Konzerten zur Aufführung kommt: Die Setzung im letzten Teil sei für die linke Hand kaum spielbar. Frey ergänzt, er habe aufgrund eines Sportunfalls eine ganze Weile lang nur mit seiner linken Hand spielen können – sie sei daher bestens trainiert. Als der Solist zu der besagten Stelle kommt, atmet das Publikum hörbar auf. Man merkt: Hier hat man es mit Feinschmeckern zu tun, sowohl auf der Bühne als auch in der Menge.

emerkenswert, wie Freys Finger über die Tasten fliegen und so zahlreiche Töne gleichzeitig zum Schwingen bringen. Es scheint alles für einen Moment lang zu schweben. Bach wäre stolz. Im Publikum wird mit grösster Sorgfalt ein Husten unterdrückt, wie es nur regelmässige Konzertgänger können. Dann tosender Applaus.

Bühne frei für Kinder

Nun kommt Albrecht Mayer wieder auf die Bühne und ergreift ohne Mikrofon das Wort. Von der allgemeinen Weltlage über die Reflexion des eigenen Geltungsdrangs als Oboist kommt er schliesslich zu besagter Atemtechnik. Dann fragt er die Zuschauer, ob sich unter ihnen ein Oboist oder eine Oboistin befinde. Es heben circa sechs Personen die Hand, darunter vier Kinder – erstaunlich für ein solches Nischeninstrument. Er bittet alle auf die Bühne, es trauen sich allerdings nur die zwei Mädchen und die zwei Jungs. Aus nächster Nähe dürfen sie nun dem Meister zuschauen und lauschen. Und tatsächlich, auch von weit hinten hört man klar das Einsaugen der Luft durch die Nase, während gleichzeitig der Ton der Oboe erklingt, was ja auf das Ausblasen von Luft durch den Mund hinweist. Versuchen Sie das mal!

Verschmelzung gelungen

Nach der Pause – belegte Laugenbrötchen, O-Saft und Wein – füllt sich die Bühne mit Musikerinnen und Musikern. Zu Mayer und Frey gesellen sich nun Johanna Schwarzl mit der Flöte, Nicola Mosca am Violoncello und Astrid Leutwyler, welche das Klassikfestival mitveranstaltet, mit der Violine. Die Musiker gehen so sorgfältig aufeinander ein, dass sich die unterschiedlichen Instrumente in einem Resonanzraum zu treffen und zu verschmelzen scheinen. Man vergisst, dass es sich hier um Solisten handelt, man vergisst, aktiv zuzuhören, man wird getragen. Der letzte Ton erklingt und das ergriffene Publikum klatscht laut Beifall. Die Freude am soeben Erlebten steht auch den Spielenden ins Gesicht geschrieben, eine Hochleistung. Sie verbeugen sich Schulter an Schulter, Mayer küsst den beiden Damen die Hand.

Bach als Zugabe

Der Rest des Abends fliesst dahin, alle sind in Fahrt. Es werden alte Zeiten nachempfunden – Vivaldis Venedig – und kirchliche Klangräume heraufbeschworen.

Zum Schluss werden noch einmal alle Musiker und Musikerinnen auf die Bühne geklatscht. Sie geben ein letztes Zugabestück von Bach zum Besten. Nach dem finalen Ton bleibt das Ensemble plötzlich wie versteinert stehen. Das Publikum ist irritiert. Kommt noch was? Darf man schon klatschen? Und schon geht’s wieder weiter: verschmitztes Verbeugen, begeistertes Klatschen, Licht an. Bis nächstes Jahr!

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