Vom Wirtschaftsleben in Shanghai auf die Kanzel in Küsnacht

Von Brigitte Selden ‒ 9. Oktober 2025

Von der Gründung einer Firma in Shanghai über ein Theologiestudium in Pennsylvania bis hin zum Vorstand einer Pfarrei am Zürichsee: Mit der 40-jährigen Jenny Laske erhält die reformierte Kirchgemeinde Küsnacht eine neue, weltoffene Stimme, die buchstäblich drei Kontinente in sich trägt.

In China geboren, in den USA studiert und in Küsnacht als Pfarrerin, um die Kirche als Ort der Gnade und Gemeinschaft zu pflegen. (Bild: bse)
In China geboren, in den USA studiert und in Küsnacht als Pfarrerin, um die Kirche als Ort der Gnade und Gemeinschaft zu pflegen. (Bild: bse)

Seit dem 1. September bereichert die Pfarrerin das Pfarrteam mit ­ihrer ungewöhnlichen Biografie, die sich über drei Kontinente erstreckt: In China geboren, hat die 40-Jährige sechs Jahre lang in den USA studiert, bevor es sie an den Zürichsee verschlagen hat. «Ich bin erst seit drei Wochen hier, aber ich freue mich sehr auf die Aufgaben», sagt Jenny Laske, die zurzeit noch in Zürich wohnt, ihren Lebensmittelpunkt aber bald komplett nach Küsnacht verlegen möchte.

Von der Wirtschaft zum Glauben

Jenny Laskes Karriere begann fernab der Kanzel. Nach einem Bachelor in Soziologie und Rechtswissenschaften gründete die gebürtige Chinesin in Shanghai eine eigene Firma und war erfolgreich in der Wirtschaft tätig. Doch sie spürte früh, dass ihr Weg nicht nur durch Zahlen und Paragrafen führen würde. Ihr Leben nahm eine tiefgreifende spirituelle Wendung, die sie schliesslich zur Theologie führte. «Ich habe immer gesucht», erklärt sie. «Schon als junge Frau dachte ich über den Willen des Universums nach.»

Dieser philosophische Impuls führte sie auf eine lange spirituelle Reise. Nach Besuchen in buddhistischen Tempeln war es schliesslich eine christliche Kirche in Shanghai, die sie 2009 besuchte und die sie zutiefst überzeugte. Jenny Laske wurde Christin – ein grosser persönlicher Wandel, da sie zuvor ohne Religion aufgewachsen war. Der Weg zur Theologie war nicht ohne Hürden: Anfangs war sie skeptisch, als sie in der Bibel von einem «grausamen Gott» las, der tötet. «Ich konnte das nicht verstehen und sagte mir, ich gehe nicht mehr in die Kirche.» Erst ein halbes Jahr später änderte sie ihre Meinung. Obwohl sie bis heute Fragen habe, zweifle sie nicht mehr daran, dass dies der richtige Weg für ihr Leben sei, erzählt die Pfarrerin.

Theologie mit Umwegen: Von Pennsylvania in die Heimat Bullingers

Jenny Laske beschloss, ihr Leben nicht mehr der Wirtschaft zu widmen und entschied sich stattdessen für ein Theologiestudium am konservativen Westminster ­Theological Seminary in Pennsylvania, USA. Dort legte sie das theologische ­Fundament, erwarb einen Master, vertiefte sich in reformierte Theologie sowie in Griechisch und ­Hebräisch und arbeitete als Assistentin für verschiedene Theologieprofessoren. Besonders geprägt habe sie in dieser Zeit die gelebte Nächstenliebe von Gemeindemitgliedern: «Ich habe erlebt, wie ein älteres Ehepaar ein fremdes, psychisch krankes Mädchen adoptierte. Diese echte Liebe – das hat mich tief berührt», erinnert sich die Pfarrerin.

Als sie ihre Doktorarbeit über die Schweizer Reformationsgeschichte und den Zürcher Reformator ­Heinrich Bullinger begann, realisierte sie schnell: Alle Quellen und Archive sind in Zürich. Warum schreibe ich dann in den USA auf Englisch?, habe sie sich gefragt. So wechselte Jenny Laske 2019 an die Universität Zürich – ein Schritt, der auch persönlich befreiend war. «In den USA wurde ich als Frau in der Kirche oft kritisch gesehen. In Zürich konnte ich endlich frei arbeiten.»

Im Jahr 2020 gelang es ihr, ihre Doktorarbeit offiziell in Zürich anzumelden. Die Ankunft in der Schweiz sei allerdings nicht einfach gewesen, sie habe sogar per Fundraising auf Facebook Geld sammeln müssen, um die für die Aufenthaltsbewilligung erforder­liche Mindesteinlage von 20 000 Franken auf dem Konto vorweisen zu können.

Liebe und ein gemeinsamer Beruf

Jenny Laskes Weg war gerade für chinesische Verhältnisse ungewöhnlich. «Meine Eltern befürchteten zunächst, ich hätte mich einer Sekte angeschlossen.» Doch ihr Mut zahlte sich aus: Nach einem halben Jahr des Kennenlernens der Kirche wurden ihre Eltern selbst Christen. Obwohl sie ein Einzelkind sei und ihre Eltern sich für ihre Zukunft stets finanzielle ­Sicherheit gewünscht hätten, würden sie heute ihre Entscheidung, Pfarrerin zu werden, unterstützen. «Sie haben mich auf dem gesamten Weg begleitet und sind froh, dass es mir in der Schweiz gut geht.»

Als eine ganz besondere Erfahrung nennt die Pfarrerin die Liebe zu ihrem Schweizer Ehemann. «Ich habe nie gedacht, dass ich jemanden finden würde. Und dann war es plötzlich da – so klar, so sicher.» Ihr Mann, ursprünglich Zahntechniker aus Zürich, wurde durch die gemeinsamen Kirchenbesuche ebenfalls inspiriert und wechselte in den kirchlichen Dienst. Er arbeitet heute als Sigrist in der reformierten Kirche Zollikon. «Wir teilen jetzt auch unseren Beruf. Das ist schön.»
Trotz der vielen kirchlichen Termine, gerade an den Wochenenden, versucht das Paar, den Mittwoch als gemeinsamen freien Tag für Wellness, Schwimmen oder Spaziergänge zu nutzen. Ein früheres, leidenschaftliches Hobby – das Spiel in einer Ultimate-Frisbee-Gruppe – musste sie aufgeben. «Aber vielleicht kommt die Zeit dafür wieder», hofft Jenny Laske.

Fokus auf Gnade und Gemeinschaft

Als Teil des vierköpfigen Pfarrteams in Küsnacht ist Jenny Laske gleichberechtigt angestellt und teilt sich alle Aufgaben mit ihren Arbeitskollegen: von Sonntagsgottesdiensten und Kasualien (Beerdigungen, Taufen, Hochzeiten) bis hin zu Altersheimbesuchen. Ihr persönlicher Schwerpunkt liegt jedoch auf der Kinder- und Familienarbeit. Sie ist intensiv in den Religionsunterricht eingebunden und organisiert regelmässig Anlässe wie das beliebte «Singe mit de ­Chliine». «Die Arbeit mit den Kindern bereitet mir viel Freude.»

Ihre Botschaft ist klar: Die Kirche soll ein Ort der Gnade sein, nicht des Urteils. «Gott hat seinen Sohn nicht zu uns geschickt, um uns zu verurteilen, sondern um uns zu retten, uns Trost zu geben und zu begleiten.» Jenny Laske plädiert für eine Kirche, in der Fehler erlaubt sind und Imperfektion akzeptiert wird: «Wenn wir perfekt wären, bräuchten wir keine Kirche – und keinen Gott.» Zudem ist ihr der Umgang mit den Mitarbeitenden wichtig: «Mein Herz ist auch besonders für die Menschen da, die mir immer helfen. Ich schätze sie sehr.» Mit ihrem multikulturellen Hintergrund, ihrer zugewandten Haltung und ihrem tiefen Glauben bringt Jenny Laske Weltoffenheit nach Küsnacht – und ein lebendiges Beispiel dafür, wie Glaube Brücken bauen kann. Von Shanghai bis zum Zürichsee.

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