Von Joachim Lienert ‒ 9. April 2026

Die Geschichte ist bekannt: Mit dem Fahrplanwechsel im Dezember beendet die Autobusbetrieb H. Baumgartner AG (AZZK) ihre Geschäftstätigkeit. Die Fahrleistungen an der unteren Goldküste übernimmt ab dann die Eurobus welti-furrer AG. Hören damit auch die berühmten braunen Busse auf zu fahren? In welcher Farbe man künftig fahren wird, weiss auch die Eurobus welti-furrer AG noch nicht, wie Geschäftsleiter Michael Küng sagt: «Das werden die Verkehrsbetriebe Zürich (VBZ) als Auftraggeber entscheiden. Aber wir spüren von diversen Gemeinden, dass die braunen Busse tief verankert sind. Die Fahrzeuge selbst werden von der AZZK übernommen.» Die VBZ bestätigen auf Anfrage, dass das finale Design der Busse noch offen ist. Die Leiterin der Medienstelle Judith Setz sagt: «Aktuell laufen Abklärungen. Den Entscheid werden die VBZ als marktverantwortliches Unternehmen treffen. Wir werden zur gegebenen Zeit informieren.»
Jürg Biegger würde um die braunen Busse trauern. Der pensionierte Gymilehrer für Geografie und Gesellschaftswissenschaften ist ein – wie nennt man das – ein Getriebener? Auf jeden Fall hat seine Leidenschaft stark mit Getrieben zu tun, vor allem mit jenen von Bussen. In seinem Verlag gibt er nicht nur jährlich einen Kalender mit selbst fotografierten alten Schweizer Bussen heraus, er hat auch über dreissig Bücher geschrieben mit Titeln wie «Haifisch Postautos», «Schweizer Schnauzenbusse», «Autobusbetrieb Zürich 1975», «Trolleybusland Schweiz». Und jetzt also die Geschichte des AZZK. «Schreiben Sie nicht Buch», sagt er. «Sonst erwarten die Leute zu viel. Es ist eine Broschüre.» Doch die hat es in sich: Auf 48 Seiten DIN A4 mit über hundert Fotos dokumentiert er die Geschichte des AZZK. Er ist ein profunder Kenner. Und ein Augenzeuge. So sehr er nämlich über Busse im ganzen Land schreibt, seine Leidenschaft für Autobusse, die begann in Küsnacht – genau: mit dem AZZK.
Jürg Biegger wuchs in Küsnacht in einem Dreifamilienhaus an der Schiedhaldenstrasse 23 auf. Das Haus steht noch immer dort. «Weil es erhöht liegt, hatte ich vom Fenster aus eine ideale Position, um die Busse zu beobachten.» Die braunen Busse faszinierten ihn, just vor dem Haus war Endstation für sie. Zum Wenden fuhren sie rückwärts in den Schiedhaldensteig. Seine Eltern waren Musiker: die Mutter klassische Sängerin, der Vater Geigenlehrer am Seminar Küsnacht. Am liebsten hätten sie auch in ihm einen Musiker gesehen, «doch die Motorengeräusche gefielen mir einfach viel besser». Die braunen Busse bereiteten ihm ebenso viel Freude wie die schweren Lastwagen, die am Haus vorbei hoch nach Itschnach zur Deponie fuhren – auf feinstem Land, wo heute Wohnüberbauungen stehen.
Die Mutter nahm klein Jürg – sein Baujahr: 1947 – zum Einkaufen nach Zürich mit, natürlich in braunen Bussen. «Meine ersten Eindrücke reichen sicher bis ins Alter von vier Jahren zurück, auch die Chauffeure erkannten mich, weil ich immer mit ihnen redete.» Der Vater wiederum nahm ihn samstags ins Café Odeon mit, zu einem Stamm von Musikern, natürlich ebenfalls im braunen Bus. Später studierte er fürs höhere Lehramt. Selbst während des Studiums konnte er es nicht lassen: Die Verkehrsbetriebe Zürich suchten dringend Kondukteure, Jürg Biegger wurde einer von ihnen. Dann wechselte er zur Forchbahn und wurde nach dem Studium gar Wagenführer. So sass er am Steuer der «Frieda» und unterrichtete parallel dazu Geografie und Biologie an der Kantonsschule Glarus.
Als er 2024 vernahm, dass der AZZK aufgelöst wird, «da hat es mich emotional beschäftigt. Als kleiner Bub dachte ich, der Bus sei für die Ewigkeit.» Das nahe Ende spornte ihn an, das Werk der beiden Pioniere, des Gründers des Autobusbetriebs und seines Sohnes, Grossvater und Vater der heutigen Inhaberin Regula Baumgartner, festzuhalten. Im Werkstattchef Pasquale Pepe aus dem italienischen Potenza, seit 1991 im Betrieb tätig, fand Jürg Biegger den idealen Gesprächspartner.

Zum Ende des Autobusbetriebs sieht er nicht nur die fehlende Nachfolge als Ursache, sondern macht noch weitere Ursachen aus. Stichworte sind für ihn «Opfer des eigenen Erfolgs», «Gewinnmaximierung an der Goldküste» und «Leidtragende des Elektrifizierungswahns». Letztere beiden Themen etwa führen dazu, dass die Busse im Zuge der Elektrifizierung in Oetwil am See geparkt und gewartet werden müssen, da Platz und Hallenhöhe in der Busgarage beim Zolliker Riet dafür nicht ausreichen (KüBo 14/2026). Zudem wollten zwar an der Goldküste alle einen Bus, aber niemand die notwendige Infrastruktur finanzieren. «Schliesslich lässt sich auf entsprechenden Grundstücken durch Wohnungsbau viel mehr Gewinn erzielen als mit einem Busbetrieb.» Komme hinzu, dass Wohnungen für künftige Chauffeure und Chauffeusen wegen der hohen Bodenpreise viel zu teuer seien. All dies erschwere es, heute noch einen Busbetrieb an der Goldküste zu führen. Jürg Biegger freut sich, dass alle aktuellen Chauffeure von Regula Baumgartner ein Exemplar seiner Broschüre geschenkt erhalten. Es wird ein schönes Erinnerungsstück an ihren Fahrdienst für den AZZK sein.
Jetzt heisst es: blättern und in einer Geschichte schwelgen, die nach fast hundert Jahren zu Ende geht. «Warum wollt ihr einen Bus? Ihr habt ja die Bahn!», «Der Pionier Hans Baumgartner wird aktiv», «Erneuerung des Vorkriegs-Wagenparks», «Neue Garage im Zolliker Riet» oder «Intermezzo mit Iveco» sind nur einige der vielverheissenden Kapitel. Wer nach der Lektüre noch nicht genug hat, besucht am besten Jürg Bieggers Museum historischer Nutzfahrzeuge mit 15 fahrtüchtigen Lastwagen und Bussen in Ziegelbrücke. Vielleicht nimmt er mit einem von ihnen gar am diesjährigen Oldtimer-Treffen auf dem Zumiker Dorfplatz teil?
Die Broschüre «Geschichte des Autobusbetriebs Zürich–Zollikon–Küsnacht 1932–2026» (48 Seiten, DIN A4) mit über hundert historischen Fotos ist ab sofort im Buchhandel oder auf der Website http://www.hnf.ch für 25 Franken erhältlich.
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