Von Dörte Welti ‒ 12. März 2026

Bettina Nüscheler wurde in eine Küsnachter Familie hineingeboren, bereits ihre Mutter wuchs am Horn auf. Sie absolvierte hier ihre gesamte schulische Laufbahn inklusive Matura an der Kanti. Das musische Profil der Mittelschule entsprach ihr, die als junges Mädchen von einer Karriere als Tänzerin träumte. «Ich hatte als 14-Jährige eine Fussgelenksoperation, eine komplizierte Sache», erinnert sie sich an das Ende ihrer Jungmädchenträume. Mit der Matura in der Tasche wollte sie dann eigentlich Psychologie studieren, war aber gelinde gesagt schulmüde und ging statt an die Uni auf eine siebenmonatige Asienreise. «Ich wollte damals unbedingt weg», erinnert sich Bettina Nüscheler an die rebellische Zeit. «Alles war irgendwie so eng in Küsnacht, so bürgerlich.»
Die Rückkehr in die Schweiz markierte einen Wendepunkt in ihrer persönlichen Wahrnehmung: «Ich habe gemerkt, wie wichtig mein Protest war und realisierte gleichzeitig, dass es hier eigentlich sehr schön ist.» Sie zog in eine WG in Kilchberg und absolvierte das Primarlehrerinnendiplom, damals noch in einer einjährigen Ausbildung, unvorstellbar für heutige Verhältnisse. «Ich hatte damit wenigstens einen Berufsabschluss», gibt Bettina Nüscheler ihre Motivation unumwunden zu, «obwohl ich eigentlich wusste, dass ich wahrscheinlich nie unterrichten würde». Stattdessen heuerte sie in einer Tanzakademie an, jobbte dort im hauseigenen Café und leitete den dazugehörigen Tanzshop. «In die Dance Academy kamen damals auch berühmte Tänzerinnen und Tänzer aus New York, um bei uns in einem Summer-Camp zu trainieren», rekapituliert sie die Zeit, die sie auf neue Ideen brachte. Diese Stars brachten eine Reha-Methode mit, die damals in der Schweiz noch völlig unbekannt war: Shiatsu, entwickelt von Wataru Ohashi. Als einer der Tänzer ihr vorschlug, doch eine Shiatsu-Ausbildung zu machen, um die japanische Therapiemethode hierzulande anzubieten, hatte Bettina Nüscheler ihre Bestimmung gefunden. Mittlerweile praktiziert sie seit 40 Jahren als Shiatsu-Therapeutin. 2005 schloss sie zusätzlich ein vierjähriges Nachdiplomstudium zur Körperpsychotherapeutin ab und ist immer noch aktiv, auch mit 68 Jahren. Die Berufung füllt heute 20 bis 30 Prozent in ihrem Leben.
Den weitaus grössten Teil aber widmet sie sich ihrer Familie. Mit ihrem Mann Tony hat sie drei Töchter, zwei von ihnen sind bereits selbst Mütter und bereichern die Familie mit insgesamt vier Enkelkindern. «Das ist so, als würde man sich noch einmal neu verlieben», strahlt Bettina Nüscheler über ihre Rolle als Grossmutter, die sie fest in der Agenda einmal pro Woche aktiv mit Betreuen lebt und auch sonst mit genussvollem Engagement für den Nachwuchs. 1988 zog Bettina zu Tony in eine Wohnung im Unterdorf in Erlenbach. Einige Jahre später kauften sie das schöne, 470 Jahre alte Haus neben der Schönau. «Das ist jetzt 38 Jahre her», wundert sich Bettina Nüscheler über den Lauf der Zeit. Übrigens in der gleichen WG-Formation, mit dem gleichen Mitbewohner, der Bettina Nüschelers Leben schon seit der WG in Kilchberg begleitet hatte.
In dem Haus war genug Platz, um nicht nur zu wohnen, sondern auch eine Shiatsu-Praxis zu eröffnen, natürlich für Shiatsu-Behandlungen. Zehn Jahre lang arbeitete sie dort, dann zügelte sie ihre Praxis in ein Studio über der damaligen Schwanenapotheke (dorthin, wo heute ein Anbieter von Fussbodenbelägen beheimatet ist). Vor einigen Jahren dann verlegte sie ihren Arbeitsort in eine Gruppenpraxis oberhalb des Comestible in Küsnacht, heute hat sie dafür einen Raum in dem viel beachteten Haus, das sie und ihr Mann sich neu unweit des Erlenbacher Schulhauses bauten. «Wir haben hier drei Wohnungen ohne fixe Zimmerzahl», beschreibt sie das jetzt dreijährige Architektenbijoux, das auf einem Grundstück in Hanglage in nachhaltiger Bauweise mit viel Holz und Sichtbeton erstellt wurde. «Es gibt einen Gemeinschaftsraum, den jede Partei nach Bedarf nutzen kann, und in einem ursprünglich als Gästezimmer konzipierten Raum behandle ich meine Kunden.»
Im Dorf ist sie seit jeher als engagiert bekannt. Jahrelang führte die Familie mit Nachbarn zusammen eine Chilbi-Beiz im Unterdorf, und sie arbeitete 13 Jahre lang in der sozialpädagogischen Einrichtung Wydenhof für betreutes Wohnen von Jugendlichen. Anfangs ein ehrenamtlicher Job: «Ich habe das für die Gemeinde gemacht, wollte der Gesellschaft etwas zurückgeben.» Später gab es eine kleine Aufwandentschädigung für die Aufgabe, die in der Zusammenarbeit mit dem Betreuungspersonal des Hauses bestand. Daneben besuchte sie begeistert einen Ölmalkurs und die Nähschule, zwei der vielen Weiterbildungsangebote der Gemeinde, die im Schulhaus stattfinden. Und da hat Bettina Nüscheler einen Kritikpunkt für den Gemeinderat: «Das waren ganz wunderbare Kurse, die Kursleiterinnen wurden subventioniert. Heute laufen Sparmassnahmen, so dass sich die Kursleiterinnen entweder zurückgezogen haben oder die Kurse teuer anbieten müssen.» Was ihr daran besonders aufstösst: «Solche Kurse, egal für was, haben einen ganz entscheidenden Aspekt: Sie fördern das Netzwerk der Frauen in der Gemeinde und das ist wichtig.» Ihr Appell an die Amtierenden der kommenden Legislaturperiode: Es sei etwas ganz Wertvolles, die Kurse nicht zu teuer zu machen. Ausserdem mahnt sie bezahlbaren Wohnraum an: Ihre Töchter, die im Haus an der Schifflände leben, seien privilegiert, aber viele Junge müssten wegziehen, weil sie sich die Mieten im Dorf nicht leisten könnten. Und sie wünscht sich, dass die Gemeinde sich mehr um ein funktionierendes Dorfzentrum bemühen würde.
Bettina Nüscheler mag das Leben so, wie es ist. Wenn sie nicht am See sitzt, im See schwimmt oder mit den Enkelkindern unterwegs ist, in ihrer Ferienwohnung im Lumneziatal weilt oder Menschen behandelt, malt sie. Das ganze Haus ist voll von ihren farbenfrohen Werken. Sie ist rundum zufrieden mit ihrem Leben im Dorf: «Tony und ich haben immer gesagt, wenn wir mal alt sind, gehen wir zurück in die Stadt. Aber jetzt will ich hier nicht mehr weg, es ist schön hier.»
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