Essbar oder giftig? Was im Küsnachter Tobel wächst

Von Dominique Luethi ‒ 12. März 2026

Rund um Küsnacht wachsen zahlreiche Wildpflanzen. Einige kennt man aus der Küche. Doch viele von ihnen haben giftige Doppelgänger, die zum Verwechseln ähnlich aussehen. Auf einer Exkursion durch das Küsnachter Tobel zeigt ein Experte, worauf man achten muss.

Der Aronstab (links) mit seinen pfeilförmigen Blättern: eine Pflanze, die giftig ist. Der Bärlauch (rechts) mit seinem länglichen Blatt riecht nach Knoblauch. (Bilder: dpl)
Der Aronstab (links) mit seinen pfeilförmigen Blättern: eine Pflanze, die giftig ist. Der Bärlauch (rechts) mit seinem länglichen Blatt riecht nach Knoblauch. (Bilder: dpl)

An einem milden, frühlingshaften Nachmittag weht ein leichter Wind entlang des Dorfbachs im Küsnachter Tobel. Das Rauschen des Wassers begleitet Jonas Brännhage auf seiner Exkursion durch den noch etwas kahlen Wald. Als Botaniker, Pilzkontrolleur und Vorstandsmitglied des Natur- und Vogelschutzvereins Küsnacht kennt er die hiesige Natur wie seine Westentasche.

Kaum ist er unter dem Schatten der ersten Bäume verschwunden, liegt ein starker Knoblauchduft in der Luft. Selbst einem Laien wird schnell klar: Hier wächst Bärlauch. Zwischen feuchtem Laub, Moos und dem Dorfbach breiten sich seine Blätter über dem Waldboden aus. Doch die beliebte Pflanze kann mit ähnlich aussehenden Arten verwechselt werden. «Sie sieht dem hochgiftigen Maiglöckchen oder der tödlich giftigen Herbstzeitlosen sehr ähnlich», erklärt Jonas Brännhage. Schon hier wird klar: Wer Wildpflanzen sammelt, sollte genau hinschauen. Der Experte bemerkt sofort ein anderes Kraut, das sich zwischen dem Bärlauch versteckt und ebenfalls stark giftig ist. «Beim Aronstab geht es weniger um eine direkte Verwechslungsgefahr, sondern darum, dass man ihn versehentlich mitpflückt», sagt er. Jonas Brännhage verwendet einen einfachen Trick: den Geruchstest. «Einfach das Blatt zwischen den Fingern zerreiben. Riecht man starken Knoblauch, dann ist es Bärlauch.» Auch äusserlich gibt es Unterschiede: Der Aronstab hat pfeilförmige Blätter, während Bärlauch längliche Blätter bildet. Beide wachsen im Frühling und bevorzugen frische, nährstoffreiche Waldböden.

Ein paar Schritte weiter steuert Jonas Brännhage zielgerichtet auf einen kleinen Hang zu und beginnt zu graben. Vorsichtig zieht er eine kleine Wurzel aus der Erde: die Ährige Teufelskralle. «Sie ist essbar, sowohl roh als auch gekocht, und schmeckt lecker», meint er und nimmt einen beherzten Biss. «Wie eine Karotte mit leichter Schärfe, die an Meerrettich erinnert.» Die Ährige Teufelskralle hat herzförmige Blätter, die oft einen schwarzen Fleck in der Mitte aufweisen. Bricht man ein Blatt, tritt ein weisser Milchsaft aus. Sie sollte aber nur sehr zurückhaltend gesammelt werden, um ihre Bestände zu schonen.

Schwer zu unterscheiden: links oben das essbare Scharbockskraut, rechts unten die giftige Sumpfdotterblume.
Schwer zu unterscheiden: links oben das essbare Scharbockskraut, rechts unten die giftige Sumpfdotterblume.

Irgendwann steigt Jonas Brännhage einen kleinen, steilen Hang zum Bach hinunter. Nach ein paar Schritten durch den Sumpf steht er mit dreckigen Schuhen da, während er begeistert vom Wechselblättrigen Milzkraut erzählt. «Dieses ist zwar nicht essbar, entzückt aber mit den frühen Blüten die Spaziergänger im Tobel.» Die Pflanze wächst an sehr feuchten Stellen wie eben hier am Bachufer. Gleich daneben: das Scharbockskraut, ein herzförmiges Blatt mit einem charakteristischen Glanz. «Da das Kraut eine gute Quelle für Vitamin C ist, rettete es früher Seefahrern das Leben, die nach langen Reisen unter Skorbut litten», führt er aus. Ganz in der Nähe wächst jedoch eine andere Pflanze, die auf den ersten Blick ähnlich aussieht: die Sumpfdotterblume. Auch sie liebt feuchte Böden und trägt ebenso gelbe Blüten. Im Gegensatz zum Scharbockskraut ist sie giftig und gehört deshalb nicht in die Küche.

Wieder zurück auf dem Tobelweg bleibt Jonas Brännhage kurz vor der Drachenhöhle stehen. Er möchte nicht nur nach Pflanzen Ausschau halten. «Im Frühling gibt es auch essbare Pilze», verrät er und tritt ein paar Schritte tiefer in den Wald. Vorsichtig tastet er den Waldboden ab. «Sie wachsen auf Fichtenzapfen.» Er wird schneller fündig als erwartet. Tatsächlich sitzen mehrere kleine Pilze auf einem Zapfen. «Auch hier ist wieder Vorsicht geboten», warnt er. Denn bei diesen Pilzen gibt es einen ungeniessbaren Doppelgänger. «Der Fichtenzapfenrübling ist essbar und riecht angenehm pilzig. Der ungeniessbare Fichtenzapfenhelmling hingegen verströmt einen chlorartigen Geruch.»

Links der essbare Fichtenzapfenrübling, rechts der ungeniessbare Fichtenzapfenhelmling.
Links der essbare Fichtenzapfenrübling, rechts der ungeniessbare Fichtenzapfenhelmling.

Als er nochmals in den Bach steigt, findet er eine essbare Wildpflanze, die viele aus dem Laden kennen: die Brunnenkresse. Ihre kräftigen grünen Blätter stehen oft direkt im Wasser. Obwohl die Kresse geniessbar ist, sollte man aufpassen: «Sammeln sollte man sie nur in sauberem Wasser, ansonsten können Parasiten vorkommen», erklärt Jonas Brännhage.

Langsam senkt sich die Abendsonne. Mit den gesammelten Pflanzen macht sich der Botaniker auf den Rückweg in Richtung Dorf. Etwas liegt ihm noch am Herzen: «Wildkräuter müssen immer sicher bestimmt werden. Eine Verwechslung kann lebensgefährlich sein. Man sollte sich nicht auf Apps verlassen. Ein gutes Buch zur Überprüfung ist das Mindeste.»

Allein zu wissen, was es hier alles zu entdecken gibt, verändert den Blick für die Natur. Beim nächsten Waldspaziergang lohnt es sich also, genauer hinzuschauen.

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