Happy Ends sind deprimierend

Von Patricia Dangel ‒ 26. März 2026

Mit Oscar Wildes Stück «Ernst ist das Leben (Bunbury)» bringt der junge Regisseur David Edmond eine schillernde, queere Komödie auf die Küsnachter Theaterbühne.

Liebeserklärungen ohne Blickkontakt. (Bild: zvg)
Liebeserklärungen ohne Blickkontakt. (Bild: zvg)

In der deutschen Fassung von Elfriede Jelinek zieht sich ein bitterböser österreichischer Schmäh durch den Text und verpasst Oscar Wildes Gesellschaftskritik eine zusätzliche Bissigkeit, die von der Schauspielgruppe «Die Kulisse» genüsslich ausgespielt wird. David Edmond kontrastiert die hochgestochene Sprache mit basslastigen Popsongs, fabulösen Kostümen und reichlich Attitüde. Auf der Bühne des katholischen Pfarreizentrums stehen barocke Sofas, üppig gepolstert, in unterschiedlichen Farben und Mustern. Eingeführt wird das Stück von einer weiblich gelesenen Figur mit flauschigem, roten Fächer, die sich als Oscar Wilde vorstellt. Es geht zurück in das viktorianische England, das geprägt ist von strengen Moralvorstellungen, einer rigiden Klassengesellschaft und einem scharfen Kontrast zwischen dem, was öffentlich gepredigt und dem, was hinter den Kulissen gelebt wird. Homosexualität ist nicht nur tabuisiert, sondern strafbar – ein Umstand, der wenige Monate nach der Uraufführung des Stücks «Ernst ist das Leben» in Oscar Wildes eigenem Prozess und seiner Verurteilung dramatisch sichtbar wird. Sein Leben ist stark von der Erfahrung und Notwendigkeit des Versteckspiels geprägt, was sich als Motiv auch durch das Stück zieht.

Die Figuren führen Doppelleben – auf dem Land heissen sie anders als in der Stadt, mal Jack, mal Ernst – und erfinden allerlei Geschichten, um sich aus der Scheinheiligkeit der gesellschaftlichen Normen zu winden. Es geht ums Mannsein und Frausein und darum, wie man diese Rollen richtig ausfüllt. Die Ehe verkommt zur sozialen Pflichtübung. Der Verehrer muss ganze Fragekataloge über sich ergehen lassen, bevor er für die Tochter überhaupt in Betracht gezogen werden kann: Landsitz? Stadthaus? Adresse? Vermögen? Herkunft? Der Federschmuck auf dem Kopf der Mutter zittert vor lauter Kopfschütteln. Gleichzeitig hopsen die Charaktere von Sofa zu Sofa, vor und zurück, fast wie Schachfiguren auf dem Brett des Gesellschaftsspiels, das die Heirat zwischen Mann und Frau als zentrales Ziel und Happy End vorsieht.

Offen verborgen

Wer diesen Normen nicht entspricht, fällt raus, auch heute noch, wie der Regisseur im Pausengespräch reflektiert. Doch dieser Ausschluss kann unterschiedlich gestaltet werden. Bereits ab der ersten Sekunde treten die Figuren mit einer Haltung auf, die sie bis kurz vor Schluss konsequent durchziehen: stolz, frech und durch und durch selbstbezogen. Auffällig ist dabei vor allem ihr Blick: Er richtet sich fast durchgehend ins Publikum. Selbst in scheinbar intimen Dialogen sehen sich die Figuren kaum an, sondern halten den Blickkontakt mit den Zuschauerinnen und Zuschauern. Das Publikum wird dadurch unmittelbar angesprochen und zugleich zum eigentlichen Gegenüber der Figuren, ganz im Zeichen von Sein und Schein und dem Drang, als das gesehen zu werden, was man darstellen möchte.

Die ganze Scharade wird derart überspitzt, dass man sich als Zuschauerin doch hin und wieder nach einer gewissen Authentizität und Ernsthaftigkeit sehnt, die der Titel scheinheilig verspricht. Denn der Humor der Überzeichnung erschöpft sich mit der Zeit. Ein bewusster Regieentscheid? Kann man eine Identität überhaupt authentisch verschleiern? Wenn, dann im Theater.

Und dann, als man schon gar nicht mehr damit rechnet: ein ernstes Ende. Die Figuren verlieren ihren eifrigen Blick und starren allesamt ins Leere, trotz heiterer Musik, kein Tanz mehr, nur die bittere Wahrheit, die sich aus Oscar Wildes Brief über die Szene legt. «De Profundis», aus der Tiefe, heisst der Brief, ein echtes Dokument, das der Schriftsteller 1897 aus dem Gefängnis an seinen früheren Geliebten Lord ­Alfred Douglas richtet. Darin reflektiert er die tatsächliche Auswirkung der repressiven Gesellschaft und zeigt auf, dass die bunte Selbstdarstellung, die lustigen Täuschungen und die elegante Oberfläche reale Überlebensstrategien sind.

Letzte Aufführungen: Donnerstag, 26. März, und Freitag, 27. März, 19.30 Uhr, kath. Pfarreizentrum

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