Von Dominique Luethi ‒ 7. Mai 2026

Im Dorfzentrum von Küsnacht dringt aus einer halb geöffneten Tür im Hinterhof eines alten Gebäudes leise Countrymusik. Kommt man näher und blickt durchs Fenster, entdeckt man ein farbenfrohes Atelier mit Bildern an den Wänden, Fotos auf dem Tisch und kreativer Dekoration. Drinnen sitzt ein Mann am Computer und arbeitet. Er verbringt auch mit 79 Jahren täglich einige Stunden hier. Nicht aus Pflichtbewusstsein, sondern aus Freude. «Meine Freundin sagt, ich sei zu engagiert. Aber etwas auf die Beine zu stellen, erfüllt mich.» Genau deshalb ist er im Dorf kein Unbekannter: Peps Dändliker.
«Ich kann nicht singen und spiele kein Instrument. Ich stehe einfach auf der Bühne und unterhalte die Menschen.» Und das erfolgreich. Schon 1992 stand er mit der Countryband «The Sunday Skifflers» auf der Bühne, einer Formation, die 47 Jahre bestand, Erfolge feierte und sogar im Fernsehen zu sehen war. «Als die Band 2006 aufgelöst wurde, gründeten wir gleich eine neue.» Seit 18 Jahren ist er mit der Nachfolgeband «Tuff Enuff» unterwegs. Erst kürzlich standen sie im Hallenstadion Zürich auf der Hauptbühne. So haben sie rund ein Dutzend Auftritte pro Jahr. Sie spielen Songs vom rockigen Country über Elvis bis zu traditioneller Countrymusik. «Einen bestimmten Musikgeschmack habe ich nicht, obwohl ich über 400 CDs besitze.» Die Band sei für ihn mehr als nur Musik. Er schätzt das Gemeinschaftsgefühl und bewundert seine Bandmitglieder, die ein Instrument spielen können. «Ich kann keine Tonlagen unterscheiden, darum spiele ich das Waschbrett und Schlaginstrumente.» Während sich die anderen auf die Noten konzentrieren, übernimmt er das Entertainment.
Seit drei Jahren ist Peps Präsident des Küsnachter Senioren-Vereins. Auch hier bringt er sich mit vollem Elan ein. Er schreibt Texte und lädt Fotos auf die Website. Am liebsten steht er aber vor den Menschen. «Ich denke, meine Auftritte sind unterhaltend.» Stillstehen ist für ihn keine Option. Fernsehen? Keine Zeit. «Höchstens ein paar Stunden pro Woche, und dann ist es Sport.» Seit 1963 aktiv im Schlittschuh-club Küsnacht, ist er heute Ehrenmitglied. «Ich war schon dabei, als die Kunsteisbahn Küsnacht eröffnet wurde.» 45 Jahre lang stand er als Goalie im Tor, sogar in der 1. Liga. An ein Spiel erinnert er sich besonders gerne: «Ich hatte einen kurzen Einsatz in der Nati B. Mit dem heutigen Niveau kann man das allerdings nicht vergleichen.» Er blieb dem Sport treu. Für 30 Jahre war er lizenzierter Schiedsrichter im Nachwuchsbereich und ist heute noch am legendären «Grümpi» auf der Kunsteisbahn im Einsatz.
Peps wollte als Teenager an die Kunstgewerbeschule, doch dieser Wunsch erfüllte sich nicht. «Ich konnte nur Karikaturen und Viecher zeichnen. Das genügte nicht.» Also machte er eine Lehre als Offsetdrucker. Nach dem Abschluss nahm sein Leben eine unerwartete Wendung. Als ihm eine Lohnerhöhung verwehrt wurde, zog er gleich die Konsequenzen: «Ich sagte: ‹dann gehe ich nach Afrika. ›» Und das tat er. Er bewarb sich auf eine Stelle in Johannesburg, erhielt die Zusage und reiste ein halbes Jahr später los. «Ich konnte kein Englisch und wusste nichts über die Apartheid. Ich wusste nur, dass es dort warm ist, das genügte mir.» Der Start im Süden war holprig. Am Flughafen in Johannesburg wusste er nicht, wie die Reise weitergeht, bis ihn ein zukünftiger Arbeitskollege abholte. Mit zwei Mitarbeitern, mit denen er sich kaum verständigen konnte, arbeitete er als Erstes im Schichtbetrieb. Er lebte 20 Kilometer ausserhalb der Stadt in einer WG auf einer Farm. Aus dem Abenteuer als Drucker in Südafrika wurden sieben Jahre. Erst ein Jobangebot aus der Schweiz brachte ihn zurück in die Heimat: Sein Wissen in der Siebdruckbranche war gefragt. Bald war er geschäftlich weltweit unterwegs, hielt Vorträge und zeigte die Anwendungstechnik in der Schablonenherstellung. Als er es beruflich etwas ruhiger angehen wollte, reduzierte er sein Pensum und mietete sich das Atelier in Küsnacht. «Ich zeichne für die Menschen, und zwar alles von Hand.» Werbung braucht er keine, die Aufträge kommen von selbst. «Ich kenne hier so viele Leute. Es ist schön, dass wir einen funktionierenden Dorfkern haben.»
Selbst auf dem Arbeitsweg ins Dorf bleibt es bei ihm abenteuerlich – dank seines E-Trottinetts. «Man hat mir abgeraten, damit herumzufahren. Aber so bin ich am schnellsten.» Den Weg kennt er wie kein anderer. Im Heslibach aufgewachsen, verbrachte er einen grossen Teil seiner Kindheit im Sträme, auf der Kek, oder im Heslibach-Töbeli. «Ich kannte dort jeden Stein.» Auch auf dem Pausenplatz war er oft anzutreffen. So oft, dass er etwas nicht vergessen hat: «Eine Fensterscheibe kostete 2.80 Franken.» Erst wenn am Abend die Strassenbeleuchtung anging, musste er nach Hause. Irgendwann zog ihn die Magie in ihren Bann und er baute sich einen Zauberkasten. Er führte die Tricks seiner Familie vor, «bis sie genug davon hatten». Heute gibt er seine Zauberkünste regelmässig zum Besten und verblüfft sein Publikum mit ein paar Jasskarten.
Peps ist einer mit Ecken und Kanten, der eine einfache Haltung zum Leben hat. «Ich mache mir oft wenig Gedanken und liebe das Abenteuer.» Selbst wenn er krank ist, macht er weiter. «Ich arbeite auch mit Grippe. Ich möchte nicht im Bett liegen.» Salat und Gemüse? «Esse ich nicht.» Er mag’s unkompliziert und lässt sich nur manchmal von Kleinigkeiten aus der Fassung bringen. «Mich nerven diese neuen Deckel an den PET-Flaschen. Ständig hat man sie an der Nase.» Und noch etwas mache ihn wütend. «Wenn ich ungeschickt bin. Wenn mir etwas herunterfällt und ich schon vorher genau weiss, dass es passieren wird.»
Peps Dändliker sagt von sich, er sei kein Musiker, kein Zauberer und kein Künstler. Und doch ist er von allem etwas. Wer ist Peps Dändliker also? Erst bei genauerem Hinsehen wird klar: Egal, was er macht, er bereitet vielen Menschen eine Freude. Denn Peps Dändliker ist vor allem eines – ein Macher.
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