Das Leben könnte so schön sein

Von Dörte Welti ‒ 6. November 2025

Vor dreieinhalb Jahren startete das Projekt Sonnenhof. Noch immer leben rund 100 Personen ukrainischer Herkunft in dem einst stillgelegten Altersheim, das eigentlich der Stadt Zürich gehört. Ein Besuch.

Ivan, hier mit seiner Mutter Iryna Volokhatiuk, wurde im Kinderspital Zürich mehrfach operiert. (Bild: dwe)
Ivan, hier mit seiner Mutter Iryna Volokhatiuk, wurde im Kinderspital Zürich mehrfach operiert. (Bild: dwe)

Ivans Augen schauen mich freundlich und vertrauensvoll an: «Kommen Sie», sagt der Zwölfjährige, «wir warten schon.» Ivan geht langsam voraus, führt mich an einen langen Tisch im Gemeinschaftssaal, der für Anlässe und Aktivitäten genutzt wird. Seine Mutter Iryna Volokhatiuk hat bereits Platz genommen. Ivan übernimmt das Reden, seine Mutter lernt zwar Deutsch, traut sich aber nicht so viel zu wie der Sohn. Er spricht gut Deutsch, besucht die 4. Klasse im Schulhaus Heslibach. Ein paar Worte fehlen ihm, er ist froh, als die Übersetzerin Anna Uminska eintrifft. Sie stammt aus Zhytomyr, derselben Stadt wie Ivan und seine Mutter. Die Geschichte wurde schon mehrfach erzählt, zur Erinnerung hier nochmals ein kurzer Rückblick: Zwei private Anfragen aus Zhytomyr führten im März 2022 dazu, dass die Gemeinde Küsnacht den stillgelegten Sonnenhof von der Stadt Zürich mietete und reanimierte. Die Anfragen kamen von medizinischen Einrichtungen, die die Behandlungen, Operationen und Nachsorge von schwerkranken oder beeinträchtigten Kindern in den Spitälern von Zhytomyr aufgrund der sich häufenden Drohnen- und Raketenangriffe auf die Stadt im Norden der Ukraine nicht mehr gewährleisten konnten. Weil die Schweizer Botschaft in den ersten Kriegswochen nicht besetzt war, erreichte der Hilferuf des Bürgermeisters von Zhytomyr den Küsnachter Alexander Lüchinger, der im Auftrag des SECO Energie­projekte in Zhytomyr betreute. Der Rest ist Geschichte.

Vor dem Rollstuhl bewahrt

Mit Hilfe von Anna Uminska, die seit März 2022 das Wohnheim ­Sonnenhof leitet, erzählt Ivan selbstbewusst seine Geschichte. Vor ein paar ­Jahren wurde bei ihm Juvenile ­Epi­physeolyse diagnos­tiziert. Der Hüftkopf löst sich in der Wachstumsfuge vom Oberschenkelhals, eine schmerzhafte Wachstums­störung. Bleibt die Hüftkopflösung unbehandelt, landet das Kind früher oder später im Rollstuhl. Ivans Zustand wird medizinisch als orthopädischer Notfall bezeichnet. Vier Operationen im Kinderspital Zürich hat er bereits hinter sich. Die Prognose ist gut, er ist aufgeweckt, mag die Schule, ist stolz, schon so viel Deutsch zu können. Seine ­Mutter Iryna ist dankbar für die Behandlung, die Ivan erfahren durfte. Die Marketingmanagerin, die früher in einer Werbeagentur gearbeitet hat, denkt aber auch oft an ihre ältere Tochter, Ivans Schwester, die nach wie vor in ­Zhytomyr lebt. Ivans Vater kümmert sich zuhause um den kranken Vater. Sobald Ivans Behandlung abgeschlossen ist, wollen er und seine Mutter zurück in die Heimat.

Erfolg mit stringenter Therapie

Mira hat sich inzwischen zu unserem Grüppchen gesellt. Sie ist eine neugierige Siebenjährige, auch ein bisschen schüchtern, trotzdem will sie wissen, was wir da genau machen. Dass es der Kleinen so gut geht, ist ein Wunder. Sie kam ebenfalls aus Zhytomyr in den Sonnenhof, in Begleitung ihrer Mutter ­Oksana Malysheva und ihres Bruders Vlad, eines grossgewachsenen, ruhigen Zwölfjährigen. Mira hat Leukämie. Als man die Krankheit bei dem Kind entdeckte, kannten die Ärzte in Zhytomyr nur eine konservative Behandlung mit ähnlichen Medikamenten, wie sie auch Kinder mit Leukämie in der Schweiz bekommen. Eine solche Chemotherapie in Zhytomyr bedingt aber, dass das Kind für eine geraume Zeit die Krankenstation nicht verlassen darf. Angesichts der Angst vor drohenden Raketen- und Drohnenangriffen auf sensible Einrichtungen und dem unhaltbaren Zustand, dass man bei jedem Luftalarm die Behandlung unterbrechen und alle Personen in den Luftschutzkeller transportieren muss, ein Ding der Unmöglichkeit. Mira gehörte damit zu den prädestinierten schwerkranken Kindern für eine Evakuierung. Sie ist heute auf gutem Wege, aber noch nicht austherapiert, fühlt sich ein bisschen schwach, weil sie sich, wie sie selbst sagt, noch nicht so viel bewegen kann. Derzeit geht sie einmal im Monat zur Kontrolle, die Prognose ist gut. Oksana ist von ­Beruf Köchin und im Altersheim Tägerhalde als solche angestellt. Sie gehört zu den Frauen im Sonnenhof, die die Tavolata initiiert und organisiert haben, eine monatlich stattfindende Veranstaltung, zu der jede und jeder kommen und – gegen ­einen Unkostenbeitrag – ein ukrainisches Essen mit fünf Gängen ­geniessen kann. Für Oksana und die anderen beteiligten Frauen ein Weg, der Gesellschaft hier etwas zurückzugeben.

Sozialleistungen finanzieren die Kosten

Alexander Lüchinger hat sich zu uns gesetzt, fragt, wie es allen geht, freut sich über die Fortschritte, die die Kinder machen. Es ist die Zeit, in der alle Haushalte in der Schweiz schlechte Nachrichten von ihren Krankenkassen erhalten, weil sich die Prämien wieder mal erhöhen. Alexander Lüchinger ist sich der ­Diskussion um die Leistungen, die Kinder wie Ivan und Mira erhalten, bewusst. Jeder ­Status-S-Flüchtling – und den Status haben hier alle – bekommt vom Staat einen gewissen Betrag an ­Sozialleistungen zugesprochen, mit dem sie alles bezahlen müssen: das Wohnen, Aufwendungen, die Krankenkassenprämien. Das Wenige, das am Schluss übrig bleibt, wird ausbezahlt und geht für Essen und Kleidung drauf. Die Behandlungskosten der Kinder übernehmen die Krankenkassen, inklusive der teils sehr teuren Medikamente.

Gelöste Unterbringungssituation

Im Sonnenhof ist die Anzahl der Bewohner volatil. Alexander ­Lüchinger berichtet, dass rund 70 Prozent wieder in ihre Heimat gehen, sobald die Kinder gesund sind, dafür kommen andere nach. Was mal als Nothilfe gedacht war, ist zu einer Institution geworden. Niemand hat sich im März vor drei Jahren vorstellen können, dass der Krieg so lange dauert. Die Familien, die hier leben, haben sich arrangiert, es gibt auf jedem Stockwerk eine Teeküche, manchmal wird gemeinsam gekocht und gegessen. Ein kleines Dorf auf jedem Stock, aber auch ein Haus wie ein Dorf, wo jeder jedem hilft, wenn nötig. Geräumt werden muss der Sonnenhof derzeit nicht, die Nutzung bleibt, wie sie ist, ­solange sie gebraucht wird, das hat die Gemeinde Küsnacht zugesichert. Der Sonnenhof löst eben auch effizient das Problem der ­Unterbringung der Flüchtlinge. Küsnacht müsste eine Quote von 1,6 Prozent erfüllen, was ca. 240 Personen entspricht. Die Gemeinde meldet auf Anfrage folgende aktuelle Situation: «Zurzeit beherbergt Küsnacht 190 Geflüchtete. Im Sonnenhof sind rund 100 Personen aus der Ukraine wohnhaft. Geflüchtete aus anderen Ländern wohnen in verschiedenen Unterkünften, vor allem in Kollektivunterkünften und Notwohnungen an verschiedenen Standorten.»

Die Familien verabschieden sich, nicht ohne erneut zu betonen, wie dankbar sie für alles sind, was ihnen hier bei uns zuteil wird. Etwas, was jede Mutter nachfühlen kann: Hilfe für ein krankes Kind.

Hoffnung auf ein krebsfreies Leben: Mira (m.) mit ihrem Bruder Vlad (r.) und Mutter Oksana Malysheva. (Bild: dwe)
Hoffnung auf ein krebsfreies Leben: Mira (m.) mit ihrem Bruder Vlad (r.) und Mutter Oksana Malysheva. (Bild: dwe)

Behandlungskosten für geflüchtete Ukrainer

Weil die Diskussion immer wieder aufkommt, haben wir zur Klärung eine Anfrage an die Kommunikationsabteilung der Gesundheits­direktion des Kantons Zürich gerichtet. Inhalt: Ob die Behandlungskosten für Geflüchtete aus der Ukraine herausgerechnet und beziffert werden können. Als Antwort bekamen wir einen Auszug aus dem Protokoll des Regierungsrates des Kantons Zürich aus einer Sitzung vom 19. April 2023, wo eine ähnliche Anfrage behandelt wurde. Sinngemäss steht darin, dass «der Kanton nicht über die gewünschten Daten verfügt». Und es heisst weiter: «Gestützt auf Art. 88 Abs. 2 des Asylgesetz (AsylG; SR 142.31) gilt der Bund den Kantonen die Kosten aus dem Vollzug des AsylG mit einer Globalpauschale ab. Diese deckt namentlich die Kosten für die Sozialhilfe sowie die obligatorischen Krankenpflegeversicherung und enthält zudem einen Beitrag an die Betreuungskosten.» In einer Medienmitteilung vom 23. September 2025 zur Festlegung der Prämienverbilligung 2026 ist zu lesen, dass von den 1,36 Mrd. Franken für die Prämienverbilligung, die 2026 dem Kanton Zürich zur Verfügung stehen, 84,5 Mio. Franken für die Prämienverbilligung von vorläufig aufgenommenen Personen sowie Geflüchteten aus der Ukraine aus Mitteln der Sicherheitsdirektion stammen. Die tatsächlichen Gesundheitskosten aber teilt der Kanton nicht mit, weil er – siehe oben – sie anscheinend gar nicht erhebt.

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