Der «Penguin Man» von der Forch

Von Daniel J. Schüz ‒ 23. Oktober 2025

Der Küsnachter Tierschützer Benno Lüthi, Präsident des «Antarctic Research Trust» (ART), erhält den mit 50 000 Franken dotierten Jahrespreis der Stiftung STAB. Das Geld kommt in erster Linie der Pinguin-Forschung zugute.

Der STAB-Jahrespreisträger, fotografiert für den ART-Jahreskalender: Benno Lüthi bei den Königspinguinen in Südgeorgien. (Bild: Daniel J. Schüz)
Der STAB-Jahrespreisträger, fotografiert für den ART-Jahreskalender: Benno Lüthi bei den Königspinguinen in Südgeorgien. (Bild: Daniel J. Schüz)

Wenn es nach den Tieren ginge – nach den Pinguinen, Robben und Albatrossen in der fernen Antarktis, aber auch nach den Fledermäusen und Lurchen in der nahen Natur, nach den Kamelen im Zoo und nicht zuletzt nach den Katzen im und ums Haus –, müsste Benno Lüthi der Friedensnobelpreis zuerkannt werden.

Stattdessen wird der Küsnachter Tierschützer am Samstag den Jahrespreis der «Stiftung für abendländische Kultur und Ethik» (STAB) entgegennehmen. Die Auszeichnung würdigt das Vermächtnis eines Mannes, der sein Leben in den Dienst des wissenschaftlichen Tierschutzes gestellt hat und dem man an verschiedenen Orten begegnen kann – an Bord eines der Expeditionsschiffe etwa, die im frühen Winter die antarktische Halbinsel ansteuern und auf halber Strecke in einer Bucht der Insel Südgeorgien den Anker werfen. Hier bevölkern Königspinguine zu Hunderttausenden die Strände – und Lüthi, der als Lektor die Passagiere betreut, wird seine Gäste zur Kolonie dieser Vögel führen, die unbeholfen laufen, vergnügt bäuchlings übers Eis schlittern und meisterhaft schwimmen, aber überhaupt nicht fliegen können. «Wir befinden uns in einer anderen Welt», erklärt Lüthi. «Es ist das letzte Paradies: Hier ist die Natur alles – und der Mensch gar nichts.»

Camel Man

Wem der Aufwand einer Reise in den äussersten Süden zu gross ist, der kann, wenn er Benno Lüthi kennenlernen will, an einem Wochenende den Zürcher Zoo besuchen und beim Eingang die Pinguine bestaunen. Den «Penguin Man» findet man bei den Huftieren und Kamelen, deren Gehege er ausmistet, bevor er ihnen frisches Futter vorsetzt. Seit einem Vierteljahrhundert engagiert Lüthi sich als Hilfstierpfleger, «weil mir der Zoo am Herzen liegt und weil ich mich bei den Tieren am wohlsten fühle».

Einmal im Jahr, wenn die «Zoifter» den Frühling feiern und um einen brennenden Scheiterhaufen galoppieren, kann man Benno Lüthi in den Strassen der Altstadt und auf dem Sechseläutenplatz finden. Er hat keine Zeit, um Blumen entgegenzunehmen oder Hände zu schütteln: Lüthi ist dafür besorgt, dass die «Kämbel»-Kamele sich trotz Feuer und Petarden wohl fühlen. Er führt Thari, sein liebstes Trampeltier, durchs Getümmel, tätschelt ihren langen Hals, raunt ihr beruhigende Worte ins Ohr.

Der Beginn des Tierschutzes

Bernhard Lüthi wächst in den Nach­kriegsjahren in Zürich-Oerlikon auf. An der ETH absolviert er eine Lehre als Laborant, übernimmt die Leitung und wird Mitbesitzer eines Labors, das human- und veterinärmedizinische Analysen mit Schwerpunkt Parasitologie bei Wildtieren durchführt. Und er nimmt Einsitz im Rat der Stiftung zum Schutz von Fledermäusen.

Mit Gattin Marianne zieht er auf die Forch, wo das Paar sich liebevoll um Fledermäuse kümmert, die in der sagenhaften Franzosenhöhle Zuflucht gefunden haben. Jeweils in den Vorfrühlingswochen sorgen die Lüthis dafür, dass die Strassen rund um Rumensee und Schübelweiher gesperrt werden, damit die paarungsfreudigen Amphibien gefahrlos ihre Wanderungen antreten können.

In der Mitte seines Lebens erkennt Lüthi, dass die Zeit reif ist für eine Neuorientierung. Er verkauft seinen Anteil an der Medizinaltechnik-Firma, bucht eine Expeditionsreise in die Antarktis, ahnt aber noch nicht, wie radikal dieser Trip sein Leben verändern wird. «Ich habe alles hinter mir gelassen», resümiert er rückblickend. «Und ich habe der Vergangenheit keine einzige Träne nachgeweint.»

Der Beginn der Stiftung

Es sind Tränen des Glücks, die ihn an einem Abend im Februar 1997 übermannen. Benno Lüthi hockt auf einem Stein im Gold Harbour – so heisst eine Bucht in Südgeorgien, wo Pinguine und Seeelefanten sich tummeln. Lüthi ist allein – längst sind die anderen Passagiere in Schlauchbooten zum Diner auf die «World Discoverer» zurückgekehrt –, da kommt einer dieser befrackten Schwimmvögel angewatschelt. Er untersucht mit dem Schnabel Lüthis Stiefel, «bevor er enttäuscht wieder abzog», erinnert sich Lüthi. «Noch einer von diesen Menschen, schien er zu sagen. Ziemlich uninteressant! Ich fühlte mich klein und unbedeutend – und war zugleich unendlich glücklich; denn ich ahnte: Das ist erst ein Anfang.»

Stunden später schlingert das Schiff durch raue See, durchgeschüttelt von einem jener Orkanstürme, für welche die Drake-Passage zwischen Kap Hoorn und der antarktischen Halbinsel berüchtigt ist. Die meisten Passagiere haben sich in ihre Kabinen zurückgezogen, nur drei Männer harren an der Bar aus: Hanspeter Corti, Bau-Unternehmer aus Winterthur, Klemens Pütz, renommierter Meeresbiologe und Vogelforscher mit Sitz auf den Falkland-Inseln – und Benno Lüthi. Das Gespräch dreht sich um die Verletzlichkeit der antarktischen Tierwelt, um die Schönheit dieses unberührten Paradieses – und um die Notwendigkeit, diese Natur zu erforschen, um sie zu pflegen und zu schützen. «Wir gründen den Antarctic Research Trust», schlägt Corti vor, und alle drei sind Feuer und Flamme. «Jetzt und hier!»

Im Frühling wird die Stiftung amtlich besiegelt: Corti ist Präsident, Pütz und Lüthi sind Gründungs- und Vorstandsmitglieder. Im Jahr darauf übernimmt Lüthi das Präsidium, er hat es bis heute inne und setzt sich mit dem ART seit bald drei Jahrzehnten dafür ein, dass das eisige Natur-Paradies friedlich und unversehrt bleibt. Zusammen mit Wissenschaftlern und Instituten aus aller Welt werden Erkenntnisse zur Ernährungsökologie der Pinguine gewonnen, Bewegungsprofile dokumentieren die erstaunlichen Wanderungen der gefiederten Taucher. Der ART erwirbt die Hummock-Insel, um das für die Vogelwelt überlebenswichtige Tussock-Gras zu schützen. Regelmässig begleitet Benno Lüthi als Lektor Expeditionstouren in die Antarktis, um die Passagiere für die Dringlichkeit des Tier- und Naturschutzes zu sensibilisieren – nicht nur hier in dieser noch intakten Eis-Welt, auch im heimischen Alltag. «Wir konnten beobachten, dass Albatrosse ihre Jungen mit Plastikabfällen fütterten, weil Vermüllung und Überfischung auch das südliche Polarmeer bedrohen. Der Tierschutz für die Antarktis beginnt hier – bei uns zuhause: Kein Meerfisch soll eingeführt werden, kein Plastik das Land verlassen dürfen.»

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