Von Dörte Welti ‒ 30. Oktober 2025

Giada Pepino hat nur abends Zeit für ein Gespräch, tagsüber ist sie mit ihrer Ausbildung in der Kita Heslibach und mit ihrer Schule beschäftigt. Giada Pepino ist im Thurgau geboren. Sie hat eine Spielgruppe besucht, danach wie alle anderen Kinder in ihrem Alter auch den Kindergarten. «Ich bin drei Jahre in den Chindsgi gegangen», erzählt Giada Pepino. Man empfahl ihren Eltern damals ein zusätzliches Jahr, weil das Mädchen «schüchtern» sei. Anschliessend absolvierte Giada Pepino die sechs Jahre Primarschule. Eine Zeit, die hart war für sie: «Als ich in der 2. Klasse war, hat man herausgefunden, dass ich eine auditive Wahrnehmungsstörung habe. Wenn die Lehrerin etwas Schwieriges sagte, etwas Schweres, dann musste sie es mir mehrfach erklären.» Giada Pepino besuchte in der Folge eine Kleinklasse, «für die, die schlechter waren», wie sie lakonisch kommentiert. Damit konnte sie sich jedoch ganz gut arrangieren. Was allerdings überhaupt nicht lustig war für sie: «Meine Mitschülerinnen und Mitschüler haben mich gemobbt.»
Neun lange Jahre ertrug Giada Pepino Demütigungen und sogar tätliche Angriffe: «Einmal in der Oberstufe packten mich zwei Mitschülerinnen und schrien mich an.» Die Quälereien nahmen trotz Intervention der Lehrpersonen nicht ab, Giada Pepino wurden Sachen weggenommen, und sie wurde verleumdet. «In der ganzen Zeit waren meine Eltern für mich da», ist sie im Nachhinein froh. «Aber ich habe fast jeden Abend geweint.» Giada Pepino suchte sich in dieser Zeit Freunde, die selbstverständlicher mit ihr umgingen. «In der 6. Klasse habe ich in den Pausen immer mit den Erstklässlern zusammengesessen, in der 3. Sek dann mit denen aus der 1. Sek.» Ihre Bilanz nach neun Jahren Schulzeit: «Ich habe nicht so viele Kollegen gehabt, weil ich die ganze Zeit gemobbt wurde.»
Nach der obligatorischen Schulzeit suchte Giada Pepino eine Ausbildungsstätte, an der sie die EBA absolvieren wollte (EBA steht für Eidgenössisches Berufsattest, ein Ausbildungsweg, der sich an Jugendliche mit eher praktischen Fähigkeiten richtet. Mit einem EBA-Abschluss kann man den Weg für ein Eidgenössisches Fähigkeitszeugnis EFZ anstreben). Sie fand einen Coiffeursalon, wo sie ein Praktikum beginnen konnte. Eine mühsame, langwierige Sehnenscheidenentzündung ausgerechnet im rechten Handgelenk liess sie die Lehrstelle allerdings wieder verlieren. «Der Beruf war eh nicht so meins», erklärt Giada Pepino rückblickend. Dann folgte eine schwierige Phase: «Ich war ein Jahr und acht Monate arbeitslos. Ein oder zwei Wochen Nichtstun ist wie Ferien. Aber irgendwann wird es langweilig.» Sie sei sogar putzsüchtig geworden vor lauter Langeweile, gibt Giada Pepino lachend zu.
Ein Gespräch bei einer IV-Berufsberatung gab dann den richtigen Input: «Sie schlugen uns die Barbara Keller Wohnschule vor.» Obwohl Küsnacht «mega weit weg» vom Thurgau ist, konnte sich Giada Pepino mit dem Gedanken anfreunden, fortan für ihre Ausbildung jeweils von Sonntag bis Freitag in Küsnacht zu wohnen. Hier macht Giada Pepino derzeit die praktische Ausbildung zur Kleinkinderbetreuerin, die auch Schule mit Lernstoff beinhaltet. «Beim Lernen hatte ich früher nie Probleme. Ich habe herausgefunden, dass ich bei grossen, dicken Büchern mit kleiner Schrift schnell alles wieder vergesse, was ich gelesen habe. Mit grosser Schrift und Bildern dazu geht es besser.» In der Wohnschule befiel sie anfangs Prüfungsangst. Nach all den Jahren, in denen man ihr suggeriert hatte, dass sie «dumm» sei, nach all den Jahren der Hänseleien und des Aussenseitertums machte ihr die Vorstellung, eine Prüfung absolvieren zu müssen, Probleme. «Ich bin weinend zur Prüfung gegangen», gibt Giada Pepino zu. Die Lehrpersonen in der Wohnschule konnten ihr die Angst jedoch nehmen. Zusätzlich arbeiten auch Coaches mit den jungen Lernenden, die solche Krisensituationen gemeinsam mit den Schützlingen angehen. «Ich habe mit meinem Coach über die Prüfungsangst gesprochen und habe dann selbst eine Lösung gefunden», lautet Giada Pepinos Erfolgsbericht. Und sie präsentiert einen Ordner, in dem sie ihren Lernstoff für sich schlüssig strukturiert hat. In ihrem neuen Zuhause auf Zeit lernt sie auch, Ämtli zu übernehmen, eigenständig einzukaufen, kann sich ihr Zimmer, das sie mit einer Mitbewohnerin teilt, einrichten, wie sie mag.
Giada Pepino hat Hobbys. «Ich zeichne gerne», erzählt sie und holt schnell ein Skizzenbuch. Darin sind diverse Motive zu sehen, die man auf den ersten Blick für Entwürfe für Tattoos halten könnte. Giada Pepino nickt und zieht ihr Hosenbein hoch. Zum Vorschein kommt ein wunderschönes Schmetterlingstattoo auf dem Unterschenkel. «Das ist ein Mutter-Tochter-Tattoo», erklärt Giada Pepino stolz, die Mutter habe ein ähnliches. Sie zeigt weitere Tattoos an den Armen, ihre ganze Familie entwerfe Blumen, die sie sich dann auf den linken Arm, den «Familienarm», tätowieren lassen möchte. Dann zeigt sie noch ihre Fingernägel, kunstvoll modelliert und verziert, seit zwei Jahren bringt sich Giada Pepino diese Techniken selbst bei. Und an ihrem freien Tag, wenn sie zuhause im Thurgau ist, trifft sie sich auch mal mit Freunden oder mit ihrem festen Freund. Belasten sie noch die unfairen Vorkommnisse aus ihrer Schulzeit? «Das vergisst man nicht», sagt Giada Pepino. «Aber ich denke nicht mehr daran.» Vielmehr beschäftigt sie ihre Zukunft. Es gäbe für sie zum Beispiel die Möglichkeit, den Beruf Assistentin Gesundheit und Soziales (AGS) anzustreben und später eine EFZ-Ausbildung zu absolvieren. «Ich soll es probieren, sagen alle», lächelt Giada Pepino. Mit Recht schwingt da ganz viel Stolz auf sich selbst mit.
1849 gründete Barbara Keller (1812 – 1880) in Zürich-Hottingen ein Heim für Menschen mit Behinderung und legte damit den Grundstein für die Institution, die bis heute ihren Namen trägt. 1906 wurde in Küsnacht, am jetzigen Standort in der Zürichstrasse, das Barbara-Keller-Heim gebaut. Heute bietet die IBK ein Berufsbildungsangebot für Jugendliche mit ausgeprägten praktischen Begabungen, die mit einer Beeinträchtigung leben. Es gibt diverse Bereiche, in denen die jungen Menschen zwischen 16 und 25 Jahren ausgebildet und für ihre Integration in die Arbeitswelt gecoacht werden.
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