«Heute muss man ein Teamplayer sein»

Von Dörte Welti ‒ 30. April 2026

Kann man einen Dackel zum Trüffelhund ausbilden lassen? Man kann. Das und noch mehr erstaunliche Dinge gehören zum Leben von Nora Bühlmann.

Fest verwurzelt in Küsnacht: Nora Bühlmann lebt wieder in Küsnacht, arbeitet aber in Erlenbach. (Bild: dwe)
Fest verwurzelt in Küsnacht: Nora Bühlmann lebt wieder in Küsnacht, arbeitet aber in Erlenbach. (Bild: dwe)

Nora Bühlmann ist 60 Jahre alt und hat keineswegs vor, ihr Leben mit Ü60 langweilig werden zu lassen. Das war es nie. Wer sie kennt, weiss, dass ein grosser Teil ihrer Welt mit Kindern zu tun hat. Am Anfang ihres Lebensweges war ihr das nicht so klar. Mit der Matur in der Tasche ging sie auf Reisen und beschloss währenddessen, dass die Pädagogische Hochschule ihr die breiteste Ausbildung ermöglichen würde. In der Folge entwickelte sie eine klare Motivation: Kindern den bestmöglichen Start ins Leben zu ermöglichen. Dafür ist sie Lehrerin geworden, Primarlehrerin, um genau zu sein. Die ersten 20 Jahre ihres Berufslebens verbrachte sie an der Primarschule in dem Ort, in dem sie als eines von vier Kindern auf die Welt kam: in Herrliberg. In einer so grossen Familie aufzuwachsen bedeutet, viele Kindheitserinnerungen zu haben. «Wir durften als Kinder noch frei und unbeschwert draussen spielen, ganz ohne Aufsicht», schwärmt Nora Bühlmann. «Unsere Spielwiese schien grenzenlos und reichte vom See bis nach Wetzwil. Gemeinsam mit den Nachbarskindern zogen wir los, erkundeten Wälder, Wiesen und Wege, und die Zeit spielte dabei kaum eine Rolle. Erst wenn es dunkel wurde oder die Eltern zum Nachtessen riefen, kehrten wir nach Hause zurück.» Diese Freiheit habe ihre Kindheit geprägt und ihr Gefühl von Selbstständigkeit und Gemeinschaft geprägt. Heute wüchsen viele Kinder in einer stärker kontrollierten Umgebung auf: Mit Smartwatches behielten Eltern ihre Kinder ständig im Blick. Sicherheit stehe im Vordergrund.

Offen für Neues

Nora Bühlmanns Leben gleitet zwischen den Stadt- und Gemeindegrenzen fliessend hin und her. Bis zur Geburt ihres ersten Sohnes unterrichtete sie an einer Primarschule in Zürich, anschliessend in Herrliberg. Dann schlug sie eine Doppelstelle vor, zu Neudeutsch Jobsharing. «Geht denn das?», habe man sie erstaunt gefragt. Es habe damals viel Aufruhr gegeben ob so einer revolutionären Idee. Es ging. «Heute muss man ein Teamplayer sein», beschreibt sie den Unterschied zu früherer Personalpolitik. Aus familiären Gründen zog sie bald nach Küsnacht, bekam noch eine Tochter und musste mit ihrem damaligen Mann den Tod seiner Tochter im Teenageralter verkraften. Keine einfache Zeit. Die Familie zog für einige Jahre ins Hottinger Quartier in der Stadt. Nora Bühlmann übernahm vor etwas mehr als acht Jahren die Schulleitung der Primarschule Dorf in Küsnacht. «Ich dachte, ich würde dort pensioniert», sinniert sie. Es kam anders: «Auf einmal tauchte dieses Stellenangebot in Erlenbach auf. Sie suchten eine Schulleitung für die Primarschule.» Die erfahrene Pädagogin sah eine neue Herausforderung und griff zu. Sie habe sich in Küsnacht zwar wohl gefühlt und sei zufrieden gewesen, doch es sei einfach der Zeitpunkt gekommen, beruflich noch einmal Gas zu geben.

Aufklärungsarbeit an den Eltern

Die Schuleinheit in Erlenbach ist mit rund 410 Kindern grösser als die in Küsnacht Dorf, wo etwa 320 Kinder zur Schule gehen – eine Herausforderung für Nora Bühlmann, zumal sie das Team dort nicht kannte. Vor den Schülerinnen und Schülern steht sie nur noch sporadisch. «Ein grosser Teil meines Jobs ist Personalführung.» Sie begleitet etwa den Berufseinstieg der neuen Lehrerinnen und Lehrer. Und manchmal sei sie auch Troubleshooter, fügt sie hinzu und lacht. Da liegt die Frage auf der Hand, was für Trouble es denn heutzutage in Schulen gebe. Nora Bühlmann holt aus: «Als ich als Lehrerin zu arbeiten begann, war ich alleine im Schulzimmer. Keine Assistenz, keine Heilpädagogen, nur ich. Und die Schulpflege kam höchstens einmal im Jahr vorbei – wenn überhaupt.» Heute seien die Klassen zwar kleiner, es gebe aber mehr Extra-Betreuungen, insgesamt logistisch aufwendig in der Organisation. Die ganz grosse Herausforderung aber sieht sie im Thema digitale Medien. «Zum einen ist es wichtig, Kindern Grenzen zu setzen, was die Nutzung von mobilen Geräten betrifft», ist die Pädagogin überzeugt. «Genauso wichtig ist es jedoch, die Eltern aufzuklären.» Und zwar nicht nur, was die Auswirkung der digitalen Welt auf die Psyche der Kinder angeht, sondern auch, wie man Grenzen setzt und damit umgeht. Oft betrachteten sich die Eltern als beste Freunde der Kinder und versuchten, Grenzen auszudiskutieren. Das sei aber nicht der wirksamste Weg.

Reisen und verwurzelt sein

Nora Bühlmann führt aber auch ein intensives Leben ausserhalb der Schule. Sie ist im letzten Herbst wieder zurück nach Küsnacht gezogen, ihre Wohnung ist bestückt mit Kunstobjekten, die sie von Reisen in der ganzen Welt mitgebracht hat. Ein Lieblingsreiseziel hat sie nicht, «mich interessiert so viel!». Asien mag sie, auch Afrika durfte sie entdecken, Europa hat einen speziellen Platz in ihrem Herzen, weil die Kultur und die Menschen sie ansprächen. Die 6-jährige Dackeldame Lotta ist ihr Antrieb, so oft wie möglich in die Natur zu gehen. Kürzlich hat sie mit der Jagdhündin einen Trüffelkurs besucht, Lotta sei sehr gelehrig, erzählt Nora Bühlmann stolz. Yoga und Pilates haben ebenfalls einen festen Platz in ihrer Agenda. In Küsnacht musste sie nicht neu ankommen, hier fühlt sie sich verwurzelt. Und findet die Gemeinde toll, sie sei voller Lebensqualität. «Die Gemeinde bietet so viel, und ich habe sie als Arbeitgeberin sehr geschätzt», sagt die Schulleiterin. Man habe die Führungskräfte immer wieder zusammengebracht, und die Gemeindeschreiberin und der Gemeindepräsident hätten sogar eigenhändig Weihnachtsgeschenke verteilt.

Dankbarkeit leben

Gibt es in einem so vollen Leben noch Platz für anderes? Es gibt. Nora Bühlmann widmet sich so oft es geht den langsamen Genüssen, dem Teetrinken zum Beispiel. Sie liebt Kultur und Kunst, besucht Ausstellungen, geht gerne in Konzerte oder ins Theater. Derzeit überlegt sie, wie sie sich in Küsnacht engagieren kann. Weil sie gerne dort zurückgibt, wo sie viel bekommen hat.

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