Der fulminante Abschied des Andrea Bianca

Von Björn Reinfried ‒ 19. März 2026

Am vergangenen Sonntag wurde Pfarrer Andrea Bianca emeritiert. Anlässlich seiner grossen Abschiedsfeier mit vielen Musikern war die reformierte Kirche bis auf den letzten Platz gefüllt – ganz Küsnacht schien Andrea Bianca verabschieden zu wollen.

Nicht nur einmal nahe an den Tränen: Andrea Bianca war von seinem Abschied in der vollen Kirche überwältigt. (Bild: bre)
Nicht nur einmal nahe an den Tränen: Andrea Bianca war von seinem Abschied in der vollen Kirche überwältigt. (Bild: bre)

550 Personen ist die zulässige Höchstzahl an Besuchern, die in der reformierten Kirche Platz nehmen dürfen. 550 Personen waren es auch, die sich am Sonntagabend in der Kirche einfanden. Bereits eine Dreiviertelstunde bevor die Abschiedsfeier begann, waren fast alle Plätze besetzt. Auf den Bänken sassen die Menschen dicht an dicht, und auf der Empore fand sich neben den zwei Kameras, die den Anlass live ins Internet und in das Kirchgemeindehaus nebenan übertrugen, auch bald kein Platz mehr. Zuletzt wurden im Gang an den Seiten der Bänke vereinzelt Bretter ausgezogen und so ein paar zusätzliche Sitzgelegenheiten geschaffen.

Im Chor der Kirche standen mehrere Mikrofone, Gitarren, ein Flügel und etliche Musikerinnen und Musiker um den mit Blumen dekorierten Taufstein. In den vordersten Reihen sassen Journalistinnen und Journalisten mit Kameras, der Kameramann eines Zürcher Fernsehsenders und die Küsnachter Prominenz, dahinter der vollständig anwesende Kirchenrat. Andrea Bianca gab letzte Anweisungen, begrüsste Personen und gab gegenüber dem Küsnachter Boten zu: «Ich bin sehr nervös.»

Um halb fünf eröffnete die deutsche Sängerin Madlen Rausch den Abend am Flügel mit dem Song «Womit hab’ ich dich verdient?» Andrea Bianca trat hinter den Taufstein und blickte sichtlich berührt in die volle Kirche: «Womit habe ich euch verdient? Ich weiss es nicht. Womit habe ich euch verdient? Amen.» Dann begrüsste er alle Anwesenden, auch jene vor den Bildschirmen zu Hause und im Kirchgemeindehaus sowie seine Pastoren-Freunde aus Kalifornien, die seinem Abschied aus der Ferne beiwohnten.

Glaubensfragen

Andrea Bianca setzte in seiner fast zweistündigen Abschiedsfeier zwei Schwerpunkte: Musik und zehn ­Guidelines – zehn Gebote. Seine Reden und die Musikstücke waren inhaltlich aufeinander abgestimmt, und so lautete sein erstes Gebot «Auseinandernehmen»: Es sei wichtig, als Erstes seine Situation zu klären – eine Auslegeordnung zu machen und Wunsch versus Wirklichkeit abzuwägen. Ist der Weg, auf dem man geht, der richtige? Muss man in seinem Leben etwas ändern, andere Wege gehen – vielleicht solche, die es noch gar nicht gibt? Er erzählte, dass er für diesen Gottesdienst ebenfalls eine Analyse gemacht habe – ein Jahr lang habe er analysiert und auseinandergenommen. Die anschliessende Musik kam von Debora Rusch und Christer Løvold: «The Road needs to be repaved».

Dann ging Andrea Bianca zu seinem zweiten Gebot über: «Annehmen». Das Annehmen der zuvor analysierten Wahrheit. Anschliessend sangen alle Gäste mit den Musikerinnen und Musikern zusammen «Kum ba yah».
Als Nächstes sprach der langjährige Pfarrer über Vertrauen: «Glauben ist nicht das Befolgen von Dogmen. Glauben heisst gemäss einem Zitat von Jesus, voll zu vertrauen – in allen Lebenslagen und in allen Lebensabschnitten.» Er habe 30 Jahre lang versucht, immer wieder neu zu vertrauen. Es sei wichtig, zusammenzustehen und mit Vertrauen weiterzugehen. Sein alter Freund Richard Köchli, mit dem er im Militär Gottesdienste abhielt, sang das Lied «Blessed be the Name».

Der vierte Punkt: «Verbinden». Sich im Gebet mit Gott zu verbinden sei für ihn zentral – ganz egal, wie dieses Gebet aussehe. Ihm habe dabei oft Atmen geholfen: «Auch Atem kann Beten sein.» Und es wäre nicht Andrea Bianca, wenn als Nächstes nicht seine Yoga-Lehrerin – ein Kirchenmitglied mit Distanz zur Kirche – das «Unser Vater» vorgetragen hätte – verbunden mit ­einer Atemübung. 550 Menschen taten es ihr gleich und verbanden Atmen mit Beten.

Sein fünftes Gebot lautete «Los­legen». «Die Bibel kennt zwei Formen von Glauben: Pistis und ­Paresia», begann Andrea Bianca, und es wäre wiederum nicht er, hätte an dieser Stelle die theologische Philosophie gefehlt. «Pistis bedeutet ­Gottvertrauen, Selbstvertrauen und Lebensvertrauen. Paresia heisst Freimut haben, unerschrocken auftreten und zuversichtlich entscheiden. ­Pistis, Paresia und loslegge, dänn ­langet’s!» Die Anwesenden lachten. «Ich finde schön, dass ihr lacht, denn Humor brauchen wir.» Das anschliessende Lied «We Have a Voice, We Have a Choice» kam von Lea Lu und Bruno Bechter.

Der sechste Punkt auf Andrea ­Biancas Liste hiess «Loslassen». Der Pfarrer begann zu predigen: «Alle mit ihrer Loslass-Philosophie können mir gestohlen bleiben. Mit dem Glauben kann man alles erreichen! Man muss nur beten: Hilf mir in meinem Unglauben. Wer auf diese Weise loslässt, kann neu loslegen. Es braucht dazu kein Pfarrhaus, nur sich selbst und seinen Glauben!» Die Musik kam von einem ehemaligen Konfirmationsschüler Andrea Biancas, der durch ihn zur Musik gefunden hat: «Ich säg’s ez eifach: de Schwiizer Johnny Cash.» Florian Fox sang «Rolling on».

Gebot Nummer sieben: «Dankbarkeit». Andrea Bianca bedankte sich bei Küsnacht. «Ich kann mir keine andere Gemeinde vorstellen.» Die musikalische Untermalung «A World Where You Belong» kam von Larissa Baumann und Richard Köchli. Dann ging es auch schon weiter zum achten Punkt: «Nicht aufgeben». Er erklärte, dass er gerne ein Lied über neue Perspektiven in der Kirche ­hören würde, und wie es der Zufall so will, habe er beim Abfallent­sorgen jemanden kennengelernt, der genau solch ein Lied spielen kann: Noah Veraguth, ehemaliger Lead­sänger der Band Pegasus, trat nach vorne und spielte «Skyline».

Dann sprach Andrea Bianca über das Thema «Übergeben» – ein persönliches Thema, übergibt er doch nach 30 Jahren sein Amt. Die Musik kam von Jane in Flames mit «Safe Haven» – passend zum sicheren Hafen, als den der Pfarrer Küsnacht bezeichnet hatte. Der letzte Punkt, den Andrea Bianca Küsnacht mit einer Schweigeminute mitgeben wollte, war «Vergebung». «Bitte vergebt auch mir für alles, das ich nicht geschafft habe.»

«Ein Stück Zürcher ­Kirchengeschichte»

Der schwierigste Schritt wartete erst gegen Ende des Abends auf Andrea Bianca: Die Präsidentin des Kirchenrats Esther Straub trat vor den Taufstein, um den Pfarrer offiziell zu emeritieren. Wer in der Nähe des Pfarrers sass, konnte sehen, wie schwer ihm dieser Schritt fiel – wortwörtlich. «Das war unglaublich schwierig. Mein ganzer Körper hat dagegen angekämpft. Ich musste mich zwingen, nach vorne zu gehen», sagt Andrea Bianca im Rückblick.

Doch bevor er aus seinem Dienst entlassen wurde, rekapitulierte die Kirchenratspräsidentin sein Wirken – in einer kurzen Zusammenfassung, denn der Pfarrer wollte auf eine Lobrede verzichten. «Andrea Bianca ist es wichtig, dass alles rund ausgeht, auch wenn er Ecken und Kanten hat. Wir sind froh, dass er im Kirchenrat bleibt, denn …» Sie schaute zum Pfarrer und fuhr fröhlich fort, «… wir möchten gerne noch ein wenig mit dir streiten können». Dann hob sie die Hand, segnete ihn und entliess ihn, das «Stück Zürcher Kirchen­geschichte», wie sie es nannte, aus seinem Dienst.

Am Ende kamen nochmals alle ­Musikerinnen und Musiker nach vorne. Madlen Rausch sagte, es sollten alle die Hände hochhalten, die von Andrea Bianca getauft, konfirmiert oder verheiratet worden seien – und all jene, denen er in schweren Zeiten geholfen habe. Hunderte Hände erhoben sich, und der Pfarrer kämpfte nicht zum ersten Mal an diesem Abend mit den Tränen.

Überwältigend

Dass sein Abschied nach 30 Jahren grösser ausfalle, sei ihm klar gewesen, so Andrea Bianca, doch das Ausmass habe ihn extrem berührt: «Mir kommt nur ein Wort in den Sinn: überwältigend.» Er habe unzählige Reaktionen und Texte von Menschen bekommen, die er als Pfarrer in irgendeiner Weise im Leben begleitet habe – viele von ihnen feierten am Sonntag mit ihm seinen Abschied.

Wer die Feier verpasst hat, findet eine Aufzeichnung auf der Website von Andrea Bianca.

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