Der Geissenpeter von der Forch

Von Daniel J. Schüz ‒ 19. März 2026

Auch mit 77 Jahren arbeitet Peter Schälchli in seinem Atelier als Studiofotograf und Kunstsammler. Seine Leidenschaft aber gehört den Geissen Sally und Marie Claire. Sie erinnern ihn an seine grosse Liebe – und an die Schwiegermutter.

Schöne Aussicht: Peter Schälchli mit den Geissen Sally und MC auf dem Wehrmänner-Denkmal. (Bild: djs)
Schöne Aussicht: Peter Schälchli mit den Geissen Sally und MC auf dem Wehrmänner-Denkmal. (Bild: djs)

«Happy Birthday, liebe Papi!» Lachend fällt Laura Schälchli ihrem Vater um den Hals. Sie hat sich in der Zürcher Gastroszene als Öko-Pionierin einen ­Namen gemacht – und auch ihn kennt hier oben jedes Kind: Peter Schälchli ist der «Geissenpeter» von der Forch. Am letzten Sonntagnachmittag ist er mit seiner Frau Annabella vom Küsnachterberg nach Zollikerberg gefahren, um sich feiern zu lassen. Laura, die als «Slow-Food-Päpstin» Nachhaltigkeit vorlebt und mit der Manufaktur «Laflor» neue Impulse in der Schokoladeproduktion setzt, will den Papi mit einer kulinarischen Premiere überraschen: «Birthday Dinner» steht auf der Menükarte, daneben wird der Hauptgang angekündigt: «Chateaubriand – aus dem Herzen des Rinderfilets». Und darunter die liebevolle Widmung: «Endlich für Papi zubereitet».

Und wenn’s ein Gitzi-Braten wäre?

Mit dem Doppellendensteak, das Laura zum Niedergaren in den Ofen geschoben hat, wird Peter Schälchli zum ersten Mal in seinem langen Leben jenen Braten geniessen, der seinen Namen dem französischen Diplomaten François-René de Chateaubriand verdankt.

Und wenn’s nun ein Gitzi wäre? Die Frage, die sich aufdrängt, ist so delikat wie geschmacklos – und bleibt der Pietät zuliebe so unausgesprochen wie die offenkundige Antwort: Das würde wohl an Kanni­balismus grenzen. Denn für Peter Schälchli sind die Geissen voll­wertige Familienmitglieder. Jeden Abend kurz vor Sonnenuntergang verlässt er seine Wohnung im Gross­acher, um die meckernden Geissen mit einem Guetnacht­-Guetzli ins Heu zu schicken; es sind nur wenige Schritte bis zur Geissenweid zwischen Bahntrassee und der Neuen Forch.

Ex-Freundin und Schwiegermutter

Noch bevor er das Gatter erreicht hat, kommen sie schon herangestürmt und fordern ihr Zwieback-Bettmümpfeli ein. «Die Braune da», stellt Schälchli seine erweiterte ­Familie vor, «das ist Sally. Und die andere, die hellere, die heisst Em-Si, genauer: MC – das englische Kürzel für Marie Claire.»

Die Geschichte hinter den Namen

«Die beiden waren frisch geborene Gitzis, Zwillinge», fährt der Geissenpeter fort. «Als ich ihnen spontan diese Namen gab, hatte ich noch keine Ahnung, wie sie sich entwickeln würden. Aber ich dachte schon an Sally, meine erste grosse Liebe. Und an Marie Claire, meine Schwiegermutter, die ja auch Geissen hatte …» Er fährt fort: «Merkwürdig: Aus Sally ist eine überaus anhängliche Geiss geworden, die dauernd schmusen will. MC dagegen kann richtig unberechenbar sein; kürzlich hat sie mich hinterrücks auf den Boden geworfen.»

Auch sein Grossvater habe Geissen gehalten. «Das waren arme Viecher; die haben kaum je die Sonne gesehen.» Damals, vermutet er, sei wohl der Keim gelegt worden, aus dem die Liebe zu diesen «total verrückten, eigensinnigen und charaktervollen Tieren» erwachsen sei: ­«Irgendwie fühle ich mich mit denen wesensverwandt.»
Peter Schälchli kam am 15. März 1949 in Meilen zur Welt. «Mein ­Vater», erinnert er sich, «war ein Gramper – und ein richtiger Chrampfer; so nannte man die ­Arbeiter, die beim Eisenbahnbau Schienen und Schwellen aufs Trassee montieren.» Es ist, als schliesse sich ein Kreis von der Kindheit zur Gegenwart: Auch heute fährt die Forchbahn dicht an seiner Wohnung vorbei – und in absehbarer Zeit, wenn die Gramper die geplante zweite Spur neben die erste legen, noch dichter. «Die Bahn stört mich nicht. Aber an die lange Zeit der Bauarbeiten muss ich mich erst mal gewöhnen.»

«Ich bin Sammler, kein Händler»

Im Fotogeschäft Beyeler an der ­Stadelhoferstrasse absolvierte er eine Lehre als Studiofotograf, liess sich schon bald von der benachbarten Galerie Koller engagieren, um Kunstobjekte für Kataloge im Bild festzuhalten – und entdeckte dabei sein Gespür für Bilder, Raritäten und allerlei Gegenstände, die er bis heute in seinem Stadtatelier ­professionell ausleuchtet und ab­lichtet. «Ich bin ein Sammler, kein Händler.»

Unter den Kunden waren Promis aus der Hochfinanz, für die er millionenschwere Artefakte fotografierte; unter ihnen auch ein legendärer griechischer Reeder, der ihn mit dem Helikopter auf seine Insel einfliegen liess, um Bilder zu fotografieren. «Alles lange her, aber ich glaube, den Namen sollten wir gleich wieder vergessen.» Einen anderen Namen kann er nicht genug betonen: «Annabella!»

«Ohne Annabella wäre ich aufgeschmissen»

«Auch schon lange her – bald ein halbes Jahrhundert», sagt Annabella Schälchli, die aus der Küche gekommen ist, um sich am Gespräch zu beteiligen. «Ich war aus Genf nach Zürich gekommen und setzte mich ins Café Odeon, das als Schwulentreff bekannt war. Und dann kamst du – und bist mir mit deinen langen Haaren sofort aufgefallen …»

«… Du mir auch», grinst er. «Mir war sofort klar: Diese Frau möchte ich nach Zürich holen! Du bist das Beste, was mir je passiert ist. Du rettest mich vor meinem eigenen Chaos – ohne dich wäre ich hoffnungslos aufgeschmissen.»

Bald wurde Hochzeit gefeiert. Im ­Januar 1982 kam Laura zur Welt, vier Jahre später Sohn This. Längst sind die Kinder ausgezogen, Peter und Annabella fanden auf der Forch eine neue Heimat. Meckernde Vierbeiner traten an die Stelle der Kinder. Peter Schälchli erinnert sich, wie ihm auf einer Kleinvieh-Ausstellung die Tauernschecken auffielen: «Die pflegeleichte, freundliche, aber auch eigenwillige Rasse aus Österreich erinnerte mich an meine Kinderjahre, an die Geissen des Grossvaters. Ich wollte es besser machen als er!»

So wandte er sich an die Gemeinde Küsnacht: Ob die Geissen auf dem Grasland unter dem Bahntrassee weiden dürften, wollte er wissen. Unter zwei Bedingungen, kam die Antwort aus dem Gemeindehaus. «Erstens müsse ich das Grundstück pflegen – und zweitens einmal im Jahr ein Geissenfest für die Anwohner ausrichten. Zum Glück hatte ich die Familie: Alle halfen mit und waren für das leibliche Wohl von mehr als hundert Festbesuchern besorgt.»

Das Geissenfest ist Geschichte

Unterdessen haben die Kinder andere Prioritäten, Laura mit ihrer Schokoladen-Manufaktur und This mit einer Kette von Kaffee-Fenstern, die er in der Stadt aufziehen will. Das Geissenfest ist mittlerweile Geschichte. Dafür ergötzen sich Ausflügler auf der Forch an Sally und MC, wenn Peter mit ihnen auf ­Wanderschaft geht. Sie nehmen ihre Hunde an die Leine, Velofahrer bremsen ab und schauen verdutzt hinauf zum Sockel des Wehrmänner-Denkmals. Mit stupender Trittsicherheit klettern die Tiere zur Flamme hinauf, lassen sich von ihrem Zweibeiner das Bergpanorama erklären und mit Zwieback füttern.

Nach dem Chateaubriand serviert Laura den letzten Gang: Haselnusskuchen mit Vanilleglacé.
Sie grinst: «Du bist jetzt schon 77 und ich immer noch 44 – wir haben gerade beide zwei Schnapszahlen.»
«Es gibt noch eine dritte.»
«Und die wäre?»
«Die Summe aus 77 und 44.»
«121 ist doch keine Schnapszahl.»
«Doch: Elf mal elf!»

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