Der Kaminfeger und das Glück

Von Dominique Luethi ‒ 9. April 2026

Reto Patt ist ein Mensch, der mit sich im Reinen ist. «Ich habe alles, was ich brauche», sagt er zufrieden. Sein Weg führte ihn Anfang der 1980er-Jahre als Lernender nach Küsnacht. Dass er einmal Kaminfeger werden würde, war aber nicht vorge­sehen.

Stets mit einem Lächeln unterwegs: Reto Patt, seit Jahrzehnten als Kaminfeger in Küsnacht im Einsatz. (Bild: dpl)
Stets mit einem Lächeln unterwegs: Reto Patt, seit Jahrzehnten als Kaminfeger in Küsnacht im Einsatz. (Bild: dpl)

Noch bevor die meisten Menschen aufstehen, brennt bei ihm bereits das Licht im Büro. Er fährt seinen Computer hoch und druckt die ersten Tagespläne aus. «Ich stehe so früh auf und benötige trotzdem keinen Wecker», sagt er und lächelt. Auch eine besondere Motivation braucht er nicht: Er mag einfach, was er macht. Kurz darauf macht er sich auf den Weg in den Betrieb, verteilt die Arbeitspläne und tauscht sich mit seinen Mitarbeitenden aus. Sie sind ein eingespieltes Team. Jeder weiss, was zu tun ist. «Ich möchte ein kollegialer Chef sein und meinen Mitarbeitenden immer auf Augenhöhe begegnen», sagt er. Darum packt er auch selbst mit an. «So weiss ich, wie sich die Arbeit für meine Angestellten anfühlt.» Der Tag beginnt und folgt einem Rhythmus, der sich über Jahrzehnte eingespielt hat. Zwischen Büroarbeit, Kundenbesuchen und Gesprächen vergeht für ihn die Zeit fast unbemerkt. Am früheren Nachmittag kehrt er nach Hause zurück, zu dem, was ihm am wichtigsten ist: seiner Familie mit Ehefrau, zwei erwachsenen Töchtern und ihren Partnern. «Seit einiger Zeit mache ich bewusst früher Feierabend, um mehr Zeit für mich und meine Familie zu haben.»

Ein Beruf im Wandel

Ein Bewerbungsschreiben musste Reto Patt in seinem Leben nie verfassen. Und doch begann er 1981 seine Lehre als Kaminfeger. «Mein Bruder war bereits Kaminfeger. Ich ging mit ihm in den Betrieb nach Küsnacht, schaute mir alles an und am Ende des Tages hatte ich eine Lehrstelle», erzählt er. Der damalige Chef bot sie ihm direkt an, und er sagte zu. Wie so vieles in seinem Leben habe sich auch das einfach so ergeben. Dabei hätte er sich auch gut vorstellen können, Koch zu werden. «Heute koche ich einfach in der Freizeit», sagt er und schmunzelt. Auch wenn sein beruflicher Weg früh definiert war, entwickelte sich daraus sein grösster persönlicher Ehrgeiz: die Meisterprüfung. Als er sich dazu entschloss, stellte er alles andere in seinem Leben zurück. «Das hat mich als Person verändert», sagt er. Im Laufe der Jahre hat sich sein Tätigkeitsfeld als Kaminfegermeister stetig erweitert. Seit vielen Jahren ist er als amtlicher Feuerungskontrolleur tätig. Zuerst in Erlenbach und später in Küsnacht, wird er die regelmässigen Kontrollen bald auch in Zollikon durchführen. Trotz des Berufsstolzes sieht er sein Handwerk im Wandel. «Heute muss man sich vermehrt mit Wärmepumpen und Lüftungsreinigung beschäftigen. Das hat Zukunft.» Er möchte nicht zurückschauen. «Ich lebe im Hier und Jetzt», sagt er. Probleme löse er dann, wenn sie aufträten. «Deshalb schlafe ich gut.» Als er über seinen Beruf spricht, erinnert er sich an einen besonderen Moment: den Aufstieg auf den grossen stillgelegten Terlinden-Kamin in Küsnacht-Goldbach, der vielen bekannt ist. «Mit Sicherheitsgurt und Vollmaske bin ich dort hochgestiegen», erzählt er. «Oben angekommen, schaute ich heraus. Die Aussicht war gewaltig.»

Begegnungen mit Menschen

Seine spätere Frau kannte er schon aus Kindheitstagen. Mit Anfang zwanzig heirateten die beiden, zogen nach Stäfa und begannen, sich gemeinsam etwas aufzubauen. «Ich habe eine super Frau, die mir jederzeit den Rücken stärkt», sagt er. «Wir haben uns alles zusammen aufgebaut.» Als er Mitte der 1990er-Jahre den Betrieb seines Lehrmeisters übernahm, wurde wenig später Küsnacht nicht nur sein Arbeitsort, sondern auch seine Heimat. «Es ist für mich ein Zuhause. Ich möchte nirgends anders leben. Ich fühle mich hier geborgen», sagt er. Sein Werdegang wirkt rückblickend geradlinig, und doch sei vieles einfach passiert. «Ich bin ein Kind des Glücks. Das Gute kam immer auf mich zu.» Vielleicht liege das auch an seiner Haltung: «Ich erlebe die Menschen positiv, weil ich ihnen so begegne.» Das zeigt sich an seinem Engagement: 17 Jahren Feuerwehr, langjähriges Mitglied im Gewerbeverein, auch im Vorstand, und aktiv im Boccia-Club Küsnacht. Auch im Feuerwehrclub ist er engagiert: Als Mitorganisator des Boccia-Turniers erstellt er die Spielpläne und steht selbst als Schiedsrichter auf dem Platz. «Das Turnier zu organisieren ist ein grosser Aufwand. Aber ich hänge daran.» Auch sportlich war er immer aktiv. Als junger Mann spielte er in der 1. Mannschaft des FC Stäfa. Später trainierte er die zweite Mannschaft des FC Küsnacht. Ein Teamplayer sei er schon immer gewesen. Dabei bedeutet ihm etwas besonders viel: die Begegnung mit den Menschen. «Ich mag es, wenn ich durch das Dorf gehe und bekannte Gesichter sehe.» Was ihm weniger gefällt: dass viele heute für sich bleiben möchten. «Im Zug schaut fast jeder nur noch aufs Smartphone. Ich finde das schade.» Auch in seinem Beruf ist es der Austausch, der ihm am meisten gibt. «Das Schönste an meinem Beruf und meinen Hobbys ist der Kontakt zu den Menschen», sagt er. «Ich sehe meine Kunden ein- bis zweimal im Jahr. Viele davon sind zu Freunden geworden.» Er schätzt diese Nähe und die Gespräche, die entstehen. Aber auch die kleinen Begegnungen im Alltag. Für ihn ist klar: Ein Dorf lebt von Menschen, die miteinander reden.
«Ich möchte nicht mehr».

Natürlich gebe es Dinge, die er nie gemacht habe und eigentlich immer gerne machen wollte. «Ich hätte gerne ein Instrument oder eine Fremdsprache gelernt.» Aber etwas zu bereuen ist nicht seine Art. «Ich bin dankbar für das, was ich habe.» In fünf Jahren feiert er sein 50-jähriges Jubiläum als Kaminfeger in Küsnacht. Aber auch das lässt er einfach auf sich zukommen – wieso sollte er etwas ändern, das bisher so gut funktioniert hat? Sein Leben war nie bis ins Detail geplant, ist aber genau so geworden, wie es für ihn richtig ist. «Ich habe alles, was ich brauche, und möchte nicht mehr», resümiert Reto Patt zufrieden und begibt sich wieder an seine Arbeit.

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