Der kochende Anekdotenerzähler

Von Brigitte Selden ‒ 26. März 2026

Vom Londoner Bankenviertel über argentinische Gefängnisse bis zum eigenen Kochherd in Zollikon: Xavi Speckert hat in seinem Leben mehr ­Geschichten gesammelt als andere Briefmarken.

Alles ausser gewöhnlich: Xavi Speckert ist Ur-Küsnachter, Weltenbummler und leidenschaftlicher Gastgeber. (Bild: zvg)
Alles ausser gewöhnlich: Xavi Speckert ist Ur-Küsnachter, Weltenbummler und leidenschaftlicher Gastgeber. (Bild: zvg)

Es gibt Menschen, die tragen ihre Lebensgeschichte wie einen Rucksack voller Anek­doten mit sich herum. Bei Xavi ­Speckert ist es eher ein Überseekoffer. Wer ihm gegenübersitzt, merkt schnell: Dieser Mann hat nicht nur viel erlebt – er hat alles mit einer Mischung aus Neugier, Humor und einer unerschütterlichen Lust am Leben aufgesogen.

Xavi Speckert wächst in Küsnacht auf, besucht die Primarschule im Erbschulhaus, spielt im Quartier Eishockey, kennt die Leute, die Leute kennen ihn. Und trotzdem zieht es ihn früh hinaus. Nach der Primarschule geht er ins Alpine Pro-Gymnasium nach Flims, später an die Ecole Supérieure de Commerce in La Neuveville. Ein solider Weg – aber Xavi wäre nicht Xavi ­Speckert, wenn er nicht bald gemerkt hätte, dass die Welt grösser ist als das Zürichseeufer.

Bankwesen, Bars und die Kunst, das Leben zu lesen

Sein erster grosser Sprung führt ihn nach London, zum Bankverein. Zwei Jahre lang lernt er dort das Bankwesen kennen. «Gelernt habe ich vor allem Englisch – und das Leben in London», sagt er und lacht. Im Research Department schneidet er Geschäftsberichte aus der Financial Times aus, klebt sie in Ordner und archiviert sie. Doch mit der Zeit mischt er unter die nüchternen Zahlen auch Restauranttipps, Witze, Discoadressen. Sein Chef ist begeistert und beantragt, dass der junge Speckert unbedingt in seiner Abteilung bleibt. Bankfach? «Kaum etwas gelernt.» Lebensfreude? «Umso mehr.»

Auf London folgt Paris. Alliance Française, Nebenjobs, ein Leben zwischen Sprachschule und Grossstadt. Sein Vater, der in Zeiten des Kriegs nie Sprachen lernen konnte, hat ihm eingeschärft: Sprachen sind das Wichtigste im Leben. Also lernt der Spross der Unternehmerfamilie Speckert & Klein weiter – und zieht nach Italien. In Florenz entdeckt er endgültig seine grosse Leidenschaft: das Kochen. Schon als Kind stand er mit seiner Grossmutter in der Küche, rollte Strudelteig aus und probierte Rezepte aus. In der florentinischen Kochschule ist er der einzige Mann unter vielen jungen Frauen. Der Lehrer erkennt schnell sein Talent, und nach drei Abenden steht Xavi Speckert bereits in dessen Restaurantküche. Dafür bekommt er gratis Italienischunterricht. «So konnte ich mir ein gutes Leben leisten in Florenz. Das war eine super Zeit.»

Freiheit und Abenteuer in Südamerika

Dann ruft Südamerika. In Chile arbeitet der Küsnachter als Product Manager in einer Backsteinfabrik. Schnell merkt er: Hier läuft vieles über Bestechung. «Ich wollte nicht als Betrüger dastehen.» Also kündigt er – und reist anderthalb Jahre lang durch den Kontinent, schlägt sich mit verschiedensten Jobs durch, lebt von seiner Neugier und seinem Improvisationstalent. In Brasilien lernt er einen Professor kennen, der ihm Edelsteine zum Weiterverkauf an Touristen gibt.

In Argentinien, zur Zeit der Diktatur, landet er – als angeblich linker ­Europäer – für kurze Zeit im Gefängnis.
In Venezuela erreicht ihn die Nachricht, dass sein Vater schwer erkrankt ist. Xavi Speckert bricht seine Reise ab, kehrt zurück und tritt 1978 in die Stempel- und Beschriftungsfirma seines Vaters ein. Als der Vater fünf Jahre später stirbt, übernimmt er die Firma vollständig und führt sie bis 2012. «Stempel und Gravuren sind nicht so spektakulär», sagt er schmunzelnd. «Aber es war eine gute Zeit.»

Kochen als Lebensform

Nach dem Verkauf der Firma widmet sich Xavi Speckert wieder seiner alten Passion: dem Kochen. Erst für Freunde, dann für grössere Gruppen. Schliesslich findet er ein leer stehendes Lokal in Zollikon. Heute führt der 77-Jährige in einem ehemaligen Secondhand-Laden an der Zollikerstrasse den Xavis Dinner Take Away. Das Lokal ist zu einem beliebten Treffpunkt geworden – ein Ort, an dem alle an einem grossen Tisch platziert werden: «Hier ist jeder und jede willkommen, ob alleine oder in Begleitung.» Ein moderner Stammtisch, wie er im Buche steht.
Alles, was über die Ladentheke geht, kocht Xavi Speckert selbst: Gulasch, gefüllte Peperoni, Zürcher Geschnetzeltes, Lasagne und seine handgemachten, hauchdünnen Tortelloni, auf die er besonders stolz ist. An den Wänden hängen Werke seines Freundes, des Künstlers Peter Städeli alias Pedro Sardell. Dazu farbenfrohe Illustrationen einer portugiesischen Illustratorin, die Sardinenverpackungen gestaltet.

Bis heute ist Xavi Speckert keiner, der stillsitzen kann. 30 Jahre lang spielt er Rugby, ein Sport, zu dem er dank seines Schwagers fand. «Er sagte zu mir: Nach dem Spiel gibt es immer gratis Bier. Da wusste ich: Das ist meine Welt.» Inzwischen nimmt er regelmässig an Golden-Oldie-Turnieren auf der ganzen Welt teil – von Argentinien bis Südafrika. Auch das Segeln begleitet ihn ein Leben lang. «Vom America’s Cup und Flying Dutchman bis hin zu internationalen Regatten habe ich alles gesegelt.» Heute steuert er ein Lacustre-Holzboot auf dem ­Zürichsee. «Mit einer jungen Crew», merkt er an. Und dann ist da noch das Skifahren: 15 Jahre lang fährt Xavi Speckert regelmässig nach ­Kanada zum Heliskiing, dazu macht er unzählige Skitouren in der Schweiz. «Ich bin immer noch Mitglied meines alten Skiclubs.»

Küsnachter Original – und ­Weltbürger

Drei Kinder hat er, eines aus erster Ehe, zwei aus der zweiten mit seiner Frau Zuza. Der älteste Sohn hat ihm zwei Enkelkinder geschenkt. Sieht er sich als Familienmensch? «Ja, aber ich brauche meine Freiheit», sagt er mit einem Augenzwinkern. «Ferien mit den Kindern – wunderbar. Aber mit der Baby­trage durch die Gegend laufen? Das war nie meins.»

Nach 35 Jahren in Feldmeilen, wo er mit der Familie direkt am See wohnte, kehrte er vor zwölf Jahren nach Küsnacht zurück und lebt dort so, wie er es immer getan hat: mit offenen Türen, offenen Ohren und offenem Herzen. Xavi Speckert ist einer, der Geschichten sammelt wie andere Briefmarken. Einer, der aus jedem Land, jeder Küche, jedem Hafen etwas mitnimmt – und es in Zollikon an seinem Stammtisch wieder auspackt. In Form von Gerichten, Anekdoten und seiner unerschütterlichen Lebensfreude.

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