Von Björn Reinfried ‒ 16. April 2026

Man könnte Noé Spirig fast als «Küsnachter Urgestein» bezeichnen. Seit seinem zweiten Lebensjahr lebt der heute 25 Jährige hier, besuchte im Heslibach-Quartier die Schule und lernte die Gemeinde als idealen Ort zum Aufwachsen kennen. «Ich fühle mich hier tief verwurzelt», sagt er. Diese Verbundenheit ist spürbar, auch wenn sein Alltag durch das Psychologiestudium an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) inzwischen stärker nach Zürich ausgerichtet ist. «Im Sommer zieht es mich immer noch in die Badis. Küsnacht war für mich immer ein sicherer Hafen, ein Ort, an dem ich mich wohl und integriert gefühlt habe.»
Wer Noé Spirig nur als den freundlichen jungen Mann von nebenan wahrnimmt, unterschätzt die enorme Disziplin und den unbändigen Willen, die hinter seiner ruhigen Fassade stecken. Beruflich verfolgt er einen Weg, der weit über ein blosses Interesse hinausgeht. Der Küsnachter studiert Angewandte Psychologie und will diese im Sommer 2027 mit einem Master abschliessen. Die Wahl sei ihm leichtgefallen, berichtet Noé Spirig. Er suchte eine Tätigkeit, in der die Komplexität menschlichen Erlebens im Zentrum steht. «Ich bin ein offener, kommunikativer Typ. Ein reiner Bürojob, bei dem man nur Zahlen wälzt, wäre nichts für mich gewesen.» Auf den Master soll die Weiterbildung zum Psychotherapeuten folgen, langfristig mit dem Ziel einer eigenen Praxis. Die Vielfalt der Psychologie fasziniert ihn – von der Forschung bis zur Therapie. Parallelen sieht er dabei auch zu seinem Sport, dem Powerchair Hockey (Elektrorollstuhl-Unihockey): Analyse, Konzentration und das Verständnis von Dynamiken seien in beiden Bereichen zentral.
Der Sport begleitet Noé Spirig seit seiner Kindheit, auch wenn der Einstieg wenig verheissungsvoll war. Mit sechs Jahren brachte ihn seine Mutter zum Probetraining im Powerchair Hockey. «Sie musste mich fast zwingen. Ich wollte lieber zu Hause bleiben», erinnert er sich lachend. Doch nach einer halben Stunde war der Bann gebrochen. Aus dem skeptischen Jungen wurde ein leidenschaftlicher Spieler. Was als Hobby bei den «Iron Cats» in Zürich begann, entwickelte sich zu einer aussergewöhnlichen internationalen Karriere. Seit 2011 gehört der angehende Psychologe zur Schweizer Nationalmannschaft.
Wer Powerchair Hockey für langsam hält, irrt: Die Rollstühle erreichen bis zu 15 km/h – ein Tempo, das in der Enge einer Halle höchste Präzision verlangt. Gespielt wird zu fünft gegen fünf, der Ball darf nur flach geführt werden, die Tore sind breit und niedrig, ein Spiel dauert zweimal zwanzig Minuten. Die Sportrollstühle sind kompakt, wendig und stabil – und preislich oft auf dem Niveau eines Kleinwagens.
Noé Spirig begann als Feldspieler, wechselte später aber ins Tor. Als Goalie nutzt er einen «T Stick», der fest am Rollstuhl montiert ist. Er steuert seinen Stuhl mit einem hochsensiblen Joystick und muss gleichzeitig Ballflug, Gegnerpositionen und kleinste Lücken in der Verteidigung antizipieren. «Viele unterschätzen die koordinative und mentale Anstrengung», sagt er. «Es ist Hochleistungssport für den Kopf. Man braucht eine permanente 360 Grad Aufmerksamkeit.» Turniere seien körperlich wie mental fordernd.
Der Lohn für fast zwei Jahrzehnte harter Arbeit: Noé Spirig wurde dieses Jahr zum «Powerchair Hockey Athlete of the Year» gewählt – zum offiziell weltbesten Spieler des Jahres. «Das war nie mein Ziel, als ich mit elf Jahren in die Nationalmannschaft kam. Ich wollte einfach nur auf hohem Niveau mitspielen», kommentiert er seinen Erfolg bescheiden. Heute ist der Sportler der Rückhalt der Schweizer Mannschaft, mit der er schon zahlreiche Welt- und Europameisterschaften bestritten hat. Jetzt blickt er gerade gespannt auf die Powerchair-Hockey-Weltmeisterschaft, die Ende Mai in Finnland stattfindet. «Das offizielle Ziel ist eine Medaille, aber nach Bronze bei der letzten WM träumen wir natürlich vom Finale», gesteht er und schmunzelt. Die Spiele werden live auf YouTube übertragen – mit professionellem Kommentar und internationaler Fankultur. «Ausserdem werden wir an der WM und auch in der Vorbereitung von einem SRF-Dokumentarfilm-Team begleitet. Der Film heisst ‹Nichts hält uns auf› und soll in einem Jahr erscheinen.»
Dass er diesen Weg gehen konnte, führt Noé Spirig auch auf seine Eltern und seine Schulzeit in Küsnacht zurück. Er ist ein überzeugter Verfechter der inklusiven Beschulung. «Ich hatte das grosse Glück, dass meine Eltern sich unermüdlich dafür eingesetzt haben, dass ich in die Regelschule gehen konnte. Erst im Heslibach, dann an der Fachmittelschule», sagt er. Von Sonderschulen hält er wenig, da sie seiner Meinung nach oft zu früh zur Ausgrenzung führen. «Ohne die Regelschule könnte ich heute wahrscheinlich nicht auf diesem Niveau studieren. Inklusion sollte kein Sonderfall sein, sondern der gesellschaftliche Standard.»
Bald steht für ihn ein privater Neuanfang an: Nach 23 Jahren in Küsnacht zieht er in seine erste eigene Wohnung in der Zürcher Innenstadt, direkt beim Schiffbau. «Es wird Zeit für diesen Schritt», sagt Noé Spirig. Er wird dort allein wohnen, unterstützt durch ein Team von Assistenzpersonen – meist Studierende, die ihn im Alltag begleiten, wo er Hilfe benötigt. «Ich lebe selbstbestimmt mit Assistenz. Das ist wichtig für meine Unabhängigkeit.»
Damit endet sein prägender Küsnachter Lebensabschnitt – und zugleich öffnet sich ein neues Kapitel. Trotz seines jungen Alters kann Noé Spirig bereits auf eine eindrucksvolle sportliche Laufbahn zurückblicken, während er gleichzeitig am Anfang seiner beruflichen Karriere steht. Es ist ein Schritt in die Selbstständigkeit – und eine stringente Fortsetzung seines bisherigen Wegs zwischen akademischem Anspruch und internationalem Spitzensport.
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