Ein Komitee, das für den Böögg brennt

Von Dominique Luethi ‒ 16. April 2026

Farbenfrohe Umzüge, eine feiernde Menschenmenge, und Punkt 18 Uhr wird ein grosser weisser Schneemann angezündet. So kennen viele das Sechse­läuten und reisen aus dem ganzen Kanton in die Stadt, um es mitzuerleben. Damit beim Zürcher Traditionsfest alles zusammenpasst, koordiniert das Zentralkomitee der Zünfte Zürichs unter der Leitung von Präsident Felix H. Boller aus Küsnacht das Geschehen im Hintergrund.

Das ZZZ: Victor Rosser, Roger Böni, Christoph Rossacher, Bea Rübel-Senn, Max Frei, Präsident Felix H. Boller, Stephan Schmidli, Cédric Niggli, Dieter Nigg, Bernhard Payer (v.l.). (Bild: zvg)
Das ZZZ: Victor Rosser, Roger Böni, Christoph Rossacher, Bea Rübel-Senn, Max Frei, Präsident Felix H. Boller, Stephan Schmidli, Cédric Niggli, Dieter Nigg, Bernhard Payer (v.l.). (Bild: zvg)

Das Sechseläuten dauert vier Tage und ist wohl das bekannteste Frühlingsfest der Schweiz. Die Nachfrage ist ungebrochen: Auch dieses Jahr sind die Sitz- und Stehplätze zum zweiten Mal in Folge ausverkauft. Auch am Fernsehen verfolgen jeweils Hunderttausende das Geschehen. Am Freitag startet das Fest mit der Eröffnung, der Sonntag gehört dem Kinderumzug mit rund 3000 Teilnehmenden und am Montag ab 15 Uhr ziehen die Zünfter durch die Innenstadt in Richtung Sechseläutenplatz. Der Höhepunkt folgt bekanntlich um 18 Uhr, wenn der Böögg verbrannt wird. Soweit, so gut. Doch damit das alles reibungslos abläuft, braucht es eine durchdachte Organisation.

1000 Menschen im Einsatz

Präsident Felix H. Boller leitet den ­Vorstand des Zentralkomitees der Zünfte Zürichs und koordiniert die Zusammenarbeit mit Zünften, Behörden und Partnern. «Das Komitee trägt die Verantwortung für die gesamte Organisation, koordiniert die Beteiligten und stellt den reibungslosen Ablauf sicher», sagt er. Gegründet wurde das Komitee bereits 1871 als «Sechseläuten­-Central­-Comitée». Es soll dazu beitragen, die Traditionen und Bräuche der Zünfte lebendig zu halten. Rund 330 Personen arbeiten direkt im ZZZ mit, unterstützt von zahlreichen Helferinnen und Helfern. Dazu kommen die Constaffel und die 25 Zünfte, in denen ­jeweils etwa 40 Personen in die Organisation eingebunden sind. Insgesamt engagieren sich so über 1000 Menschen ehrenamtlich, um das Fest auf die Beine zu stellen. Die grösste Herausforderung sieht Felix Boller
in der Koordination: «Der Bewilligungsprozess ist komplex, da über 20 Amtsstellen involviert sind.» Das mache sein Amt anspruchsvoll, aber auch vielseitig und interessant.

Zwischen Tradition und Gegenwart

Trotz seiner langen und traditionsreichen Geschichte begeistert das Sechseläuten auch viele junge Menschen. Für Felix Boller ist das keine Überraschung, gewinne doch das Traditionelle gerade in unserer schnelllebigen Zeit an Bedeutung. «Es sind die besonderen Momente, eine einzigartige Atmosphäre und eine spürbare Gemeinschaft, die das Fest ausmachen.» Dabei möchte man Bewährtes erhalten und gleichzeitig offen für Weiterentwicklungen bleiben. «Es ist ein Balanceakt zwischen Tradition und Gegenwart.» Für den Küsnachter begann die Faszination vor über 30 Jahren, als er in die Zunft zu den Drei Königen aufgenommen wurde. Heute arbeitet er eng mit allen Zünften zusammen und schätzt deren Vielfalt: «Jede Zunft hat ihre eigene Geschichte und Kultur. Zusammen ergibt das ein lebendiges Ganzes.» Die Verbindungen gehen dabei oft weit über das Fest hinaus. Freundschaften entstehen über Jahre, teilweise über Generationen hinweg. Auch wenn das Sechseläuten im Zürcher Stadtzentrum stattfindet, reicht seine Bedeutung weit über die Stadt hinaus. Auch in den Gemeinden am rechten Zürichseeufer ist die Verbundenheit deutlich spürbar. Dabei sei der Austausch zwischen den Generationen zentral. Dafür treffen sich die Angehörigen der Zünfte regelmässig zu Anlässen und pflegen das Miteinander. Den Vorwurf, eine geschlossene Gesellschaft zu sein, weist Felix Boller zurück: Wer sich ernsthaft dafür interessiere, könne Teil davon werden. «Oft erfolgt der Eintritt in eine Zunft über die Familie, Beruf oder persönliche Kontakte. Aber auch Quereinsteiger sind möglich.» Nachwuchsprobleme kennt man nicht, denn auch junge Mitglieder finden ihren Weg in die Zünfte. Grundsätzlich nimmt er Kritik am Fest gelassen entgegen: «Unterschiedliche Meinungen gehören dazu. Das ist legitim und Teil einer offenen Gesellschaft».

Erinnerungen an den Böögg

Auch für Felix H. Boller und das Komitee steht der Böögg jedes Jahr im Zentrum. Für ihn ist er weit mehr als nur eine Figur: «Er ist ein Symbol für den Aufbruch in den Frühling und führt Menschen zusammen.» Manche Erlebnisse bleiben besonders in Erinnerung. Etwa die Böögg-Verbrennung während der Coronapandemie in der Schöllenenschlucht im Kanton Uri. Für Felix Boller ein symbolischer Ausbruch aus der Isolation. Oder als der Schneemann wegen starken Windes erstmals nicht angezündet werden konnte. «Diese Entscheidung war nicht einfach, aber die richtige». Auch in diesem Jahr gab es für ihn bereits vor dem eigentlichen Fest einen besonderen ­Moment: Die 3,5 Meter grosse Figur reiste mit dem Zug in den Gastkanton Graubünden und nahm dort sogar am Engadin Skimarathon teil. Entsprechend gross ist die Vorfreude auf den Auftritt der Bündner Gäste in Zürich, deren Engagement beeindruckend sei. Besondere ­Momente erlebt er auch immer wieder beim Umzug: «Fremde Menschen kommen auf mich zu und schenken mir Blumen.» Genau diese Nähe zur Bevölkerung sei für ihn entscheidend. Denn das Fest soll Raum für alle bieten.

Ein persönliches Ziel treibt ihn besonders an, das er während seiner Amtszeit als Präsident des Komitees noch erreichen möchte: «Es wäre schön, wenn eines Tages alle Schweizer Kantone einmal am Sechseläuten vertreten gewesen wären.» Da jedes Jahr nur ein Gastkanton eingeladen wird, fehlen ­dafür aktuell noch zwei. Das Ziel ist also in greifbarer Nähe. Für ­Felix Boller ist klar: Das Sechseläuten ist mehr als ein stadtzürcherischer Anlass. «Es bringt die ganze Region zusammen. Egal wo man lebt, es gibt vielen ein Gefühl von Verbundenheit.»

Alles Wissenswerte:
www.sechselaeuten.ch

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