Was ist mit den Jungen los?

Von Dörte Welti ‒ 5. März 2026

Wenn man das Glück hatte, vergangene Woche dem letzten Grossprojekt der Kanti Küsnacht beizuwohnen, muss man zu der Erkenntnis gelangen, dass alles richtig läuft bei der Generation Alpha. Wer dermassen glasklar die Gegenwart reflektiert, darf als Hoffnungsträger für eine positive Zukunft gelten.

Eindrücklich: Die Generation Alpha weiss sehr genau, welchen Einfluss die digitale Welt auf sie und ihr Leben hat. (Bilder: dwe)
Eindrücklich: Die Generation Alpha weiss sehr genau, welchen Einfluss die digitale Welt auf sie und ihr Leben hat. (Bilder: dwe)

Alle vier Jahre setzt die Kanti Küsnacht ein Grossprojekt um, an dem die ganze Schule beteiligt ist. Alle Schülerinnen und Schüler, alle Lehrpersonen, das gesamte Personal – jeder widmet sich dem gesetzten Thema. Der Vierjahresrhythmus wurde gewählt, damit jedes Kind, das die Kanti besucht, einmal in seiner schulischen Laufbahn die Chance hat, an einem solchen Projekt mitzumachen. Das Thema der Ausgabe 2026: Alles gleichzeitig. Location: die Kanti mit all ihren Gebäuden und fast allen Räumlichkeiten, der Freiraum zwischen den Häusern, die Strecke von der Kanti zur Hesli­Halle und die Halle selbst.

Performativ: Die musiktheatralische Inszenierung der Schülerinnen und Schüler in der HesliHalle.
Performativ: Die musiktheatralische Inszenierung der Schülerinnen und Schüler in der HesliHalle.

Generation Alpha unter Druck

Es gab keine Vorgabe, in welcher Reihenfolge man sich die 30 begehbaren Raum-Zeit-Projekte anschauen sollte; man konnte sich einfach mit der Masse an Besucherinnen und Besuchern treiben lassen (es waren mehr als 1200 über die ­beiden Tage). Mal wurde man in Videoproduktionen förmlich hineingesogen, mal konnte man sich interaktiv beteiligen, mal einfach nur staunen, hören, riechen oder fühlen. Andere setzten sich kritisch mit kontrafaktischer Geschichte auseinander, in einem Raum konnte man sich Zeit und Raum entziehen und einfach nur unter einem Spiel aus Licht und Musik entspannen. Die Kernidee manifestierte sich schnell: Die Generation Alpha ist einer ungeheuren Flut von ­Infor­mationen, Berieselungen, Ermahnungen, Pflichten, Aufgaben, Zwängen und eigenen Gefühlen ausgesetzt. Schier unübersichtliche Installationen mit ratlos dazwischen sitzenden Schülerinnen und Schülern als Gesamtperformance zeigten das genauso eindrücklich wie Stop-Motion­-Filme, die Ängste und Träume der Jugendlichen visualisierten. Eine besonders kritische Auseinandersetzung fand mit dem Thema Social Media statt. Ein paar Schülerinnen und Schüler ­hatten sich einem Selbstversuch ausgesetzt und mehrere Stunden hintereinander Videos auf Social-Media-Diensten nonstop konsumiert. In einem kurzen Video analysierten sie haarscharf die Auswirkungen: wie sie sich dabei fühlten und welche Gefahren sie im ungefilterten digitalen Konsum sehen.

«So es Chrüsimüsi»: Die Installation/Performance der 3a thematisierte die Gleichzeitigkeit verschiedener Bewusstseinsströme.
«So es Chrüsimüsi»: Die Installation/Performance der 3a thematisierte die Gleichzeitigkeit verschiedener Bewusstseinsströme.

Kritische Gegenwart

Am Schluss der «Tour de Kanti» wurden die Zuschauerinnen und Zuschauer zusammengeführt und entlang einer beleuchteten Spur zur HesliHalle geleitet. Beidseits der Lichtbänder standen Schülerinnen und Schüler, die über Handys oder Boomboxen Wort- und ohrenbetäubende Musikfetzen abspielten. «Hör auf zu gamen!», hörte man da in Dauerschleife, «Du bist zu dünn!», «Füttere die Katze!», «Geh zur Schule!», «Mach deine Aufgaben!», «Mach die Matura!», «Du bist zu dick!». Man ertappte sich als Erwachsene dabei, schuldbewusst zu realisieren, dass man die eigenen Kinder genauso gestresst hat, oft unüberlegt und nicht sehen wollend, welches Chaos man damit in jungen Köpfen anrichtet. Was genau in denen vorgeht, wurde dann in der HesliHalle in einer grossartigen Theaterproduktion dargestellt. Das ganze Leben, von der ­Geburt bis zur Adoleszenz, vom unbekümmerten Kleinkind bis zur im Strudel der digitalen Berieselung verlorenen Generation. Chapeau für die schauspielerische Leistung aller Darstellerinnen und Darsteller, für das hochkarätige Schülerorchester, den stimmigen Chor und natürlich die vielen Personen, die Licht, Dramaturgie, Ton, Choreografie, Regie und Skript verantwortet haben. Schon einer der Räume, eine Installation, eine Performance oder nur das Theater wären eindrücklich genug gewesen; das Gesamtwerk aber ist ein kultureller Beitrag, wie er gewinnbringender und einprägsamer nicht hätte sein können.

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