Von Dörte Welti ‒ 12. März 2026

Wenn alle da sind, sind sie zu acht, die Frauen des Strickclubs des Frauenvereins Küsnacht. Um teilzunehmen, muss man nicht unbedingt Mitglied im seit 1875 verbrieften Verein sein, erwünscht wäre es, aber es besteht kein Zwang. Jede – und jeder – kann mitlismen oder -häkeln. Dabei wird nicht einfach aus Plausch gewirkt. Seit jeher werden Bergbauern unterstützt, Stiftungen wie das Sozialwerk Pfarrer Sieber oder Caritas Schweiz, Kinderheime, Mütterheime und neu auch ein einzelnes Mädchen. Mit einem Teil des Erlöses des alljährlichen Strickwarenverkaufs auf dem Adventsmarkt wird seine Hippotherapie finanziert.
Der Prozess ist organisiert: Die Leiterin der Strickgruppe, Kathi Lütjens, holt konkrete Aufträge von den Institutionen ein. Ganze Listen, auf denen steht, wie viele Kinderjacken, Mützen, Handschuhe und Socken in welcher Grösse für Mädchen oder Buben benötigt werden. Danach wird produziert. Nicht nur an den zwei fixen Nachmittagen im Monat, sondern auch zu Hause. Sonst würden die Frauen die Menge nicht bewältigen. Alles, was über das Bestellte hinaus entsteht, wird am jährlichen Adventsmarkt zum Verkauf angeboten. Für die Institutionen sind die Strickwaren gratis. Die Wolle wird aus dem Marktverkauf finanziert, wobei die Leiterin immer auch nach günstigen Restposten schaut.
An den Stricknachmittagen werden jeweils die neuesten fertiggestellten Teile stolz präsentiert – in Form einer Modeschau, und jedes Stück wird gelobt. Zwischen Nadelgeklapper bei Kaffee, Wasser, Pralinés und Guetzli kommt neben Fachlichem auch allerlei anderes zur Sprache: die aktuelle politische Situation zum Beispiel, lokal und weltweit. Und natürlich tauscht man sich auch über Persönliches aus, das den Raum nicht verlassen wird. Man denkt sich, so viel sozialer Aktivismus, so viel Engagement, so viel Erfahrung sollte sichtbarer sein, warum wird zum Beispiel nicht in einem Café gestrickt, ist doch sogar «in» derzeit? Kopfschütteln bei der Damenrunde. In einem Café würde man sie nicht haben wollen und ausserdem sei hier unter dem Dach des Familienzentrums alles griffbereit, die Wolle, die Nadeln, die fertigen Teile. Das sei praktisch. Man habe zwar schon mal auf dem Dorfplatz in der Sonne gestrickt und einige von ihnen zückten die Nadeln gelegentlich im Bushäuschen am Fallacher, aber grundsätzlich sei man hier oben bestens aufgehoben.

Derzeit beschäftigt sie vor allem ein Thema: Eine neue Leitung wird gesucht, Kathi Lütjens hat immer gesagt, sie höre auf, wenn Enkelkinder kämen. Jetzt ist es so weit, das Foto vom neuen Erdenbürger wird herumgezeigt. Die (oder der) Neue muss nicht unbedingt stricken können, es ist vor allem Organisationsarbeit: die Listen einholen, den Markt vorbereiten und durchführen, Wollnachschub beschaffen. Neuzugänge in der Gruppe müssen übrigens nicht stricken können, man hat schon mängisch jemandem «auf die Nadeln geholfen». Die meisten aber stricken seit Kinderhänden, haben es von der Mutter oder dem Grosi gelernt. Eine von ihnen ist sogar Werklehrerin geworden und hat ihr Wissen unzähligen Kindern weitergegeben.
Wenn man strickt, vergisst man schnell die Zeit, verfällt in eine Art rhythmisierten Rausch, in dem die Finger arbeiten, die Nadeln fliegen, der Faden fliesst. Es ist eine fast meditative Tätigkeit und ganz sicher ein barrierefreier Zugang zur inneren Ruhe. Und noch eine Erfahrung nimmt man mit aus den Gesprächen an diesem Nachmittag: Wer sich hier engagiert, engagiert sich auch sonst, im Dorf und privat natürlich. Und man hilft sich. Masche für Masche wird ein Netzwerk geknüpft, für das man keinen Computer, kein Handy und kein Internet braucht.
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