Zukunftsmusik oder Wunschdenken?

Von Daniel J. Schüz ‒ 6. November 2025

Die ÖV-Misere auf dem Küsnachterberg könnte bald schon gelöst werden. Die Gemeinde Küsnacht und die Forchbahn verhandeln mit «Mybuxi» über ein neues Konzept – und denken über autonom fahrende Kleinbusse nach.

«Mybuxi»-Fahrer Markus Künz beim Bahnhof Forch: «Alle wollen nach Küsnacht, aber dort darf ich nicht hin – noch nicht.» (Bild: Daniel J. Schüz)
«Mybuxi»-Fahrer Markus Künz beim Bahnhof Forch: «Alle wollen nach Küsnacht, aber dort darf ich nicht hin – noch nicht.» (Bild: Daniel J. Schüz)

Peter Alder liebt den öffentlichen Verkehr – im Grossen wie im Kleinen: Wenn er könnte, wie er wollte, hätte er seine Modelleisenbahn­-Anlage nicht auf dem Estrich aufgebaut, sondern in der Garage. Doch da stehen zwei Autos. «Auf die sind wir angewiesen», bedauert der Unternehmer. Das liege an den drei Teenagern, die in der Stadt aufs Gymnasium gehen. Und am Wohnort: Die Alders sind im Weiler Limberg zuhause – sie gehören zu den rund tausend Bürger­innen und Bürgern, die zwischen Forch und See auf den Anschluss ans öffentliche Verkehrsnetz warten.

Auch Markus Künz wartet. Er sitzt beim Bahnhof Forch in einem weissen E-Kleinbus und muss einmal mehr interessierte Passagiere enttäuschen: «Nein – Küsnacht geht leider nicht. Falsche Richtung. Ich fahre Sie aber gerne nach Maur.»
Auf dem Küsnachterberg warten alle, Anwohner und Zugreisende, auf eine Lösung des chronischen Problems Öffentlicher Verkehr. Allerdings war auch die Lösung noch nie so nah wie heute; denn vor vier Monaten haben Kleinbusse mit dem Label «Mybuxi» den Betrieb aufgenommen. Das weissblaue Signet umschreibt eine Mischform aus Bus und Taxi – Bus, weil man für wenig Geld mit weiteren Fahrgästen definierte Haltepunkte anfährt; Taxi, weil letztlich der Passagier bestimmt, wann die Reise wohin geht – und das alles «on demand», neudeutsch für: auf Bestellung via App. «Wir stellen sicher», verspricht «Mybuxi»-Initiant und -Geschäftsführer ­Andreas Kronawitter, «dass der nächste Haltepunkt weniger als dreihundert Meter entfernt ist und die Wartezeit nicht mehr als eine Viertelstunde beträgt.»

Allerdings dämpft ein zweiter Schriftzug auf dem Kleinbus die Hoffnung der Küsnachterbergler, fortan rascher ins Dorf zu gelangen: «Gemeinde Maur» – soll heissen: Die Test-Region «Zürich Ost», die sechste in der sieben Jahre alten «Mybuxi»-Historie, deckt vorerst nur das Gebiet zwischen Pfannenstiel und Greifensee ab. «Wir sind für dieses Pilotprojekt von der Gemeinde Maur angefragt worden», begründet Kronawitter das begrenzte Einsatzgebiet. «Die wachsende Zahl der Passagiere gibt uns recht: Wir sind auf Kurs.»

Alles ist im Norden und nichts im Süden

Nicht für alle: Während der Pfannenstiel-Nordhang mit zwei ­Bus-Linien und dem neuen «My­buxi»-Angebot gleich mehrfach erschlossen ist, bleibt der öffentliche Verkehr im Süden auf sieben hölzerne Sitzgelegenheiten beschränkt. Die «Mitfahrbänkli» stehen in den Dörfern am Strassenrand; wer sich draufsetzt, signalisiert vorbeifahrenden Automobilisten, dass er mitgenommen werden möchte. Aber wer weiss das schon?

Die ÖV-Misere am Pfannenstiel ist ein Dauerthema: Während die Forchbahn als S18 das Oberland mit der Stadt Zürich verbindet und die S7 parallel dazu die Goldküste erschliesst, fehlen Querverbindungen – «ein Problem, das immer wieder diskutiert wird», weiss Gauthier Rüegg, im Küsnachter Gemeinderat für Hochbau und Planung zuständig. «Bis anhin sind alle Lösungsvorschläge an der Kosten-Nutzen-Rechnung gescheitert. Für eine Buslinie, winkten die VBZ jeweils ab, sei der Aufwand zu gross, das Passagieraufkommen zu klein.» Dennoch ist und bleibe es «unser vordringliches Ziel», betont Rüegg, «den Küsnachterberg mit einem vernünftigen ÖV-Angebot zu erschliessen.»

Mit den weissen «Mybuxi»-Büsli werden die Karten neu gemischt: Ein App-gesteuerter Algorithmus gleicht Standorte und Routen ab, laufend werden Bestellungen neu koordiniert, jede Fahrt wird exakt nach den Kriterien optimaler Kosteneffizienz berechnet. Nie zuvor standen die Chancen für eine ÖV-Anbindung des Bergs ans Dorf besser.

Ins Projekt eingebunden sind «MyBuxi»-Chef Andreas Kronawitter und Projektleiter Timo Oliveri als Vertreter der Gemeinde Küsnacht. Auf die Frage nach Ziel und Stand der Verhandlungen gibt man sich vorerst noch bedeckt.
Die Forchbahn stelle vorerst ­lediglich einen peripheren Parkplatz beim Bahnhof Forch zur Verfügung, sagt Geschäftsleitungs­mitglied ­Peter Seiler. «Doch sobald Küsnacht zur «Mybuxi»-Region Zürich Ost ­gehört, wird der Bahnhof zur zentralen Verkehrs-Drehscheibe – und das wäre sehr wünschenswert!» ­Dennoch, dämpft Timo Oliveri die Erwartungen, sei «noch gar nicht sicher, ob es überhaupt zu einer ­Einigung kommt». Frühestens an seiner Sitzung im Dezember werde der Gemeinderat über den Vorschlag der Verhandlungsdelegation beraten: «Ich rechne erst Anfang nächsten Jahres mit einem Resultat, – und dann entscheidet die Politik.»

Es kann bald schon sehr schnell gehen

Die Politik, vertreten durch Oliveris direkten Vorgesetzten, gibt sich sehr viel zuversichtlicher: «Plötzlich kann es schneller gehen, als wir alle denken», mutmasst Gemeinderat Gauthier Rüegg. «Sobald sich autonom gesteuerte Fahrzeuge im öffentlichen Nahverkehr durchsetzen, sieht die Kosten-Nutzen-Rechnung noch einmal viel besser aus.»

Das sieht der «Mybuxi»-Chef genauso: «Entsprechende Gespräche werden geführt», so Andreas Krona­witter. «Frühestens in einem halben Jahr, wenn der Winter vorbei ist, werden wir im ländlichen Alpenraum erste Testfahrten durch-
führen.»

Die Frage, ob es sich beim Autonom-Fahren um frommes Wunschdenken handelt oder um eine konkrete Zukunftsvision, könnte schon bald von der Technologie und von der Psychologie entschieden werden: Werden sich die Kameras im ländlichen Raum auch auf schmalen und schneebedeckten Fahrbahnen ohne Markierung zurechtfinden? Werden die Fahrgäste sich dann immer noch wohl fühlen? Für den Politiker keine Frage: «Im Gegenteil», sagt Gauthier Rüegg. «Ich freue mich darauf, künftig nach einem fröhlichen Theaterabend im Limberg-Saal sicher nach Hause fahren zu können, ohne dass jemand am Steuer sitzen muss.»

Auch der Limberger Familienvater Peter Alder sieht das entspannt: «Man wird sich schnell daran gewöhnen, dass die Technik zuverlässiger und sicherer ist als der Mensch am Steuer.»

Vielleicht wird er schon bald seine Autos verkaufen und die Modelleisenbahn in die Garage zügeln.

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